Prüfungsessen als Schritt zur Normalität

Servicelehrerin Andrea Huber konnte den Prüflingen auch die Zertifikate für erfolgreich absolvierte Zusatzqualifikationen überreichen. STP/4
Corona ist zwar noch allgegenwärtig, aber es überwiegt Freude und Zuversicht – ein Lokalaugenschein.
Bezau „Es ist uns gelungen“, so Bildungsdirektor Andreas Kappaurer, „an allen Vorarlberger Schulen von Bregenz über Bezau bis Bludenz die praktischen Prüfungen in Küche und Service ohne wesentliche Abstriche durchzuführen.“
Eine Entwicklung, die noch vor wenigen Wochen besonders an „seiner“ ehemaligen Schule in Bezau, wo er fast drei Jahrzehnte als Lehrer und Direktor tätig war, undenkbar war. Denn die Region gab mit alarmierenden Zahlen Anlass zu großer Sorge: Der Bregenzerwald war abgeschottet, durfte nur noch mit einem negativen Test verlassen werden – an die traditionellen öffentlichen praktischen Prüfungen war zu dem Zeitpunkt nicht zu denken. Aber jetzt war es möglich, dass Kandidatinnen und Kandidaten zeigen konnten, was sie „in Küche und Service“ gelernt haben. Diese Prüfungen sind Teil der Matura – und deshalb geht es nicht nur um eine Präsentation, sondern auch um gute Noten.
Ein wichtiges Signal
Diese Prüfungen sind, so Kappaurer, aber mehr als eine Note im Reifezeugnis. Sie sind in Zeiten wie diesen auch ein wichtiges Signal dafür, dass man sich auf dem Weg zurück in die Normalität befindet. Sie sind aber auch – unabhängig von der Coronakrise – für die Schule eine Chance, den Kontakt zu den Eltern der Schüler zu pflegen.
Unter Corona-Einschränkungen
Diese nehmen die Einladung dazu sehr gerne an und genießen einen besonderen kulinarischen Abend auf Haubenniveau. Einhelliger Tenor: „Es ist schön zu erleben, was unsere Kinder lernen konnten, um es uns an diesem Abend in einem besonderen Ambiente zu zeigen.“ Eltern der Schülerinnen und Schüler waren diesmal leider unter sich: „Anders als seit mehr als 30 Jahren mussten wir die Gästezahl entsprechend reduzieren“, bedauerte Dir. Mario Hammerer. Vor Corona waren neben Eltern auch Bürgermeister, Partner aus dem Tourismus, Vertreter der Schulbehörde usw. eingeladen. „Darauf mussten wir verzichten, denn um Abstandsregeln einhalten zu können, wurde nicht nur die Zahl der Tische reduziert“, so Hammerer. Zudem durften an den Tischen statt sechs nur vier Personen Platz nehmen – und die Prüflinge trugen natürlich Masken.
Zwei Tage Prüfungsstress
Unverändert der Ablauf der Prüfung, die sich über zwei Tage erstreckt. Ein Tag in der Küche, ein Tag im Service. Es beginnt jeweils mit Theorie, dann folgen Wissenstest über Mixen, Flambieren usw. und dann wird es ernst – das Küchenteam bereitet das Menü vor, im Service müssen nicht nur Speisekarten erstellt werden, es gilt auch, die richtige Weinauswahl zu treffen. Am zweiten Tag wechseln Küchen- und Serviceteam ihren Arbeitsplatz. In der Küche steht jedem Prüfling eine Hilfe zur Verfügung. Diese effektiv einzusetzen ist ebenfalls Teil der Prüfungsaufgabe.
Zusatzqualifikationen
Stichwort Weinauswahl: Für diese wappnen sich angehende Maturanten während ihrer Ausbildung bei zusätzlichen Kursen. Fast Standard ist, dass das Jungsommelier-Zertifikat erworben wird. Als krönender Abschluss des Abends werden diese Zertifikate an die Prüflinge feierlich überreicht.
Unter erschwerten Bedingungen
Für Dir. Hammerer sind die Leistungen bei den Prüfungen 2021 ganz besonders hoch einzuschätzen, denn seit mehr als einem Jahr „muss unter erschwerten Bedingungen gelernt werden. Das betrifft vor allem die Praktika, bei denen viel improvisiert werden musste – und nach wie vor improvisiert werden muss.“ Hammerer betont, dass es angesichts der geschlossenen Gastronomie und Hotellerie viele Monate überhaupt nicht möglich war, ein Praktikum zu absolvieren. Er könne im Interesse der Schülerinnen und Schüler nur hoffen, dass hier bald noch mehr Normalität einkehrt.
Bewundernswertes Engagement
„Ich bewundere das Engagement der Jugendlichen, dass sie jetzt intensiv darum bemüht sind, Praktikumzeiten nachzuholen. Während der fünfjährigen Ausbildung bis zur Matura sind in der Höheren Lehranstalt für Tourismus 32 Wochen Praktikum vorgeschrieben. Nicht nur für die Klasse, die jetzt zur Prüfung angetreten ist, war dies kaum möglich, auch den unteren Klassen werden wohl ein Teil dieser Zeiten fehlen.“
Das gelte es zu berücksichtigen, gab Servicelehrerin Andrea Huber zu bedenken: „Nicht nur Praktika-Zeiten fehlen, auch der Unterricht war für viele Monate erheblich erschwert. Wenn man das alles berücksichtigt, haben sich die Schülerinnen und Schüler bei der Prüfung hervorragend geschlagen.“ Auch Josef Schneider, seit mehr als 30 Jahren Küchenmeister, ergänzt, dass „man bei diesem Prüfungsjahrgang die erschwerten Umstände berücksichtigen muss. Alles in allem kann der Klasse ein gutes Zeugnis ausgestellt werden.“ STP

Weniger Gäste, kleinere Tische, größere Abstände, Masken . . . alles in Kauf genommen, Hauptsache, das Prüfungsessen konnte überhaupt stattfinden.

Bildungsdir. Kappaurer: „Großer und wichtiger Schritt zur Normalität.“
