„Sie kennen keinen Überfluss“

Vorarlberg / 21.05.2021 • 15:31 Uhr
Cornelia Caldonazzi hat die Green-Hill-School in Kaschmir gegründet.<span class="copyright">Bischof</span>
Cornelia Caldonazzi hat die Green-Hill-School in Kaschmir gegründet.Bischof

Cornelia Caldonazzi engagiert sich in Kaschmir nachhaltig sozial.

SChlins Reisen war für die Pädagogin Cornelia Caldonazzi aus Schlins immer schon ein wichtiges Element in ihrem Leben. Dabei ging es ihr vorwiegend darum, die jeweilige Kultur und vor allem die Menschen der bereisten Länder kennenzulernen. Eine Reise nach Kaschmir war besonders prägend und führte sogar zur Gründung einer Schule, der Green-Hill-School.

Wann reisten Sie zum ersten Mal nach Kaschmir?

CALDONAZZI Vor sieben Jahren reiste ich von Ladakh weiter nach Kaschmir. Mein Kaschmiri Freund Fayaz nahm mich in abgelegene Dörfer mit, in denen die Menschen, im Vergleich zu uns, in großer materieller Armut lebten. Trotzdem erlebte ich eine herzliche Gastfreundschaft. Ihre Art, das Leben zu meistern, beeindruckte mich sehr.

Aus welchem Grund kam es zur Gründung der Green-Hill-School?

CALDONAZZI Ich traf auf viele Kinder im Schulalter, die nicht zur Schule gingen, und interessierte mich für die Gründe. Diese waren sehr vielfältig. So war etwa die nächste Schule zu weit entfernt oder die Kinder mussten zu Hause mithelfen: beim Viehhüten, bei der Feldarbeit, auf die Geschwister aufpassen, im Haushalt helfen. Manchen Eltern war Bildung nicht wichtig. Ich traf dann auf Menschen, die sich für eine Schulbildung ihrer Kinder einsetzen wollten. So wurde der Gedanke, dort eine Schule zu bauen, geboren. Nach langen und komplizierten Vorbereitungen erfolgte 2017 der Spatenstich.

Was waren die besonderen Herausforderungen dabei?

CALDONAZZI Die größte Herausforderung für mich war und ist die Finanzierung.

Was halten Sie von den Unterrichtsmethoden der dortigen Lehrpersonen?

CALDONAZZI Zuerst war das schon sehr befremdlich für mich. Der Unterricht basiert fast nur auf Auswendiglernen, im Gegensatz zu Begreifen, Verstehen, Nachfragen oder selber Denken. Die Lehrer unterrichten noch so, wie sie selbst unterrichtet worden sind. Die meisten, vor allem in diesen abgelegenen Tälern, haben wenig Ausbildung bekommen. Ein ganzes System jedoch verändern zu wollen, wäre anmaßend. Ich konnte ein paar Impulse geben, wie sie beispielsweise mehr Anschaulichkeit in den Unterricht bringen oder Kinder durch Fragen mehr zum Sprechen motivieren. Den Stock als Disziplinierungsmittel habe ich verboten.

Sie schwärmen insbesondere von den Menschen dort?

CALDONAZZI Die Kaschmiri sind mit sehr wenig zufrieden. Sie kennen keinen Überfluss, keinen unnötigen Konsum. Alle Arbeiten sind für sie viel aufwendiger und mühsamer, da sie keinerlei elektrische Geräte haben. Und doch nehmen sie sich immer wieder die Zeit, miteinander eine Tasse Tee zu trinken. Es gibt keine Reizüberflutung, keinen Stress. Zeit hat eine andere Qualität, jetzt ist jetzt. Vorausplanen liegt ihnen weniger gut, was sicher auch damit zusammenhängt, dass sie immer wieder von politischen Unruhen gebeutelt wurden und große Unsicherheit erlebten. Ich mag ihre heitere, demütige Freundlichkeit, ihre offene Herzlichkeit, ihre pure Art. Und ich liebe dieses einfache Leben, das mir jedes Mal unendlich gut tut.

In welcher Form bieten Sie nach wie vor Unterstützung für dieses Projekt?

CALDONAZZI Das Projekt ist noch nicht beendet. Das Gebäude steht zwar, die Sanitäranlage und die Küche sind noch fertigzustellen, ebenso der Hof, ein Schulgarten und eine Bibliothek. Die alte Schule würde ich gerne als Kindergarten adaptieren. Im Moment bezahlen wir sowohl die Lehrergehälter als auch die Schulbücher und Uniformen für die Kinder. Einige Familien erhalten Unterstützung, einfach um überleben zu können oder für medizinische Behandlungen und Medikamente. Eine weitere Aufgabe sehen wir darin, Ausbildungsmöglichkeiten in den Bereichen traditionelle Holzschnitzarbeiten, Stickarbeiten oder „Nadelmalereien“ für Schulabgänger zu schaffen.

Wann werden Sie das nächste Mal nach Kaschmir reisen?

CALDONAZZI Hoffentlich bald! Sobald Corona und die politischen Bedingungen es zulassen. „Inshallah“, würde der Kaschmiri sagen. Der Ton eines Flugzeuges am Himmel lässt mich schon sehr sehnsuchtsvoll nach Osten blicken. BI

Zur Person

Cornelia Caldonazzi

Geboren 1958

Familie ein Sohn, eine Enkelin,

Wohnort Schlins

Beruflicher Werdegang Volksschullehrerin, seit 28 Jahren Beratungslehrerin

Hobbys Reisen, Fotografieren, Lesen, Trekken, Gartenarbeit

Spendenkonto für die Green-Hill-School: Cornelia Caldonazzi AT98 3745 8000 0104 4528