“25 Züge sind fertig”

Vorarlberg / 15.05.2021 • 05:55 Uhr
"25 Züge sind fertig"
Bei Berlin wurden schon 25 Züge fertiggestellt. Sie warten allerdings noch auf die Zulassung.  VOL/RAUCH

Der Zeitplan sei aber zu ambitioniert gewesen, erklärt der Alstom-Österreich-Chef.

Schwarzach Der Talent 3 von Bombardier hätte eine Erfolgsgeschichte werden sollen. 2019 hätten die Züge nach Vorarlberg geliefert werden sollen. Bis heute ist das nicht geschehen. Am Mittwoch gaben die ÖBB bekannt, sich woanders umzusehen. Mittlerweile hat der Konzern Alstom den Konkurrenten Bombardier gekauft. Alstom-Österreich-Chef Jörg Nikutta verspricht im VN-Interview Besserung und glaubt immer noch an den Talent 3.

Was ist schiefgelaufen?

Wir von Alstom haben vor drei Monaten Bombardier gekauft. Uns war bewusst, dass das Talent-3-Projekt in Vorarlberg ein schwieriges Projekt ist, deshalb sind wir sofort mit großen zusätzlichen Ressourcen in das Projekt gegangen. Wir haben sofort personell reagiert, das Projektteam vergrößert und eine neue Projektleitung eingesetzt. Wir haben ein Büro in Wien am Hauptbahnhof eröffnet, um eine Nähe zum Kunden zu haben. Und wir rüsten das Sicherheitssystem um. Gleichzeitig waren wir sehr überrascht, dass noch nicht alle Fragen, was in den Zügen eingebaut werden soll, mit dem Kunden geklärt waren. Zu dem Zeitpunkt waren es sogar mehrere Hundert Punkte. Das fanden wir sehr erstaunlich. Wenn Sie nicht wissen, was der Zug können soll, dann ist es schwer, ihn zu bauen.

Worum geht es da?

Zum Teil sind es Kleinigkeiten wie Piktogramme, also Aufkleber. Aber es sind auch Sachen wie Monitore oder Computer. Da sind wir schon im sicherheitsrelevanten Bereich. Wenn man etwas ändert, muss man danach sehr intensiv prüfen. Bombardier hat im Bau und der Zulassung viele Fehler gemacht, ich will das nicht wegdiskutieren. Aber es ist schon erstaunlich, dass fast identische Züge seit zwei Jahren in Deutschland im Einsatz sind.

Es sind also Punkte offen, obwohl die Züge schon gebaut sind?

25 Züge sind fertig. Sie stehen im brandenburgischen Henningsdorf bei Berlin. Normalerweise klärt man die Fragen, was ein Zug können muss, am Anfang. Hier waren wir überrascht, wie wenig spezifisch das Lastenheft war. Es ließ sehr viel Interpretationsspielraum. Nun sind wir aber schon einen ganzen Schritt weiter.

Waren Sie von der Ankündigung der ÖBB überrascht, die Züge nun woanders zu bestellen?

Ich habe der Presse entnommen, dass die ÖBB für Vorarlberg wahrscheinlich Züge von Siemens bestellen möchten. Am Vertragsverhältnis ändert sich dadurch aber nichts. Wir werden alles tun, unseren Auftrag bestmöglich zu erfüllen. Ja, wir sind zu spät und können das nicht ungeschehen machen. Aber wir können jetzt alles für die Vertragserfüllung tun. Unser Kunde sind die ÖBB. Wo und wie sie die Fahrzeuge einsetzen, obliegt natürlich ihnen.

Ist für die 25 fertigen Züge schon Geld von den ÖBB geflossen?

Im Eisenbahnbereich ist es üblich, dass es so etwas wie Anzahlungen gibt. Das ist natürlich auch hier der Fall. Und es ist üblich, dass je nach Projektfortschritt Zahlungen da sind.

Der Rahmenvertrag beinhaltet 300 Züge um 1,8 Milliarden Euro. Ein Aus hätte wohl enorme Folgen.

Ein Rahmenvertrag ist die Maximalvariante. Er wird nicht immer voll ausgeschöpft. Wir haben seit zwei Jahren einen Rahmenvertrag mit den ÖBB über die Lieferung von Dieselfahrzeugen. Da wurde noch kein einziger Zug abgerufen. Das ist war nicht schön, aber rechtlich zulässig. Beim Talent 3 sind wir finanziell nie davon ausgegangen, dass der komplette Rahmenvertrag abgerufen wird. Aber ich will nicht verhehlen, dass wir intern davon ausgegangen sind, dass es mehr als 46 Züge sind.

Die Fusion von Alstom mit Bombardier war nur erlaubt, weil Sie die Talent-3-Fertigung verkaufen. Würden die Züge am Ende von einer anderen Firma ausgeliefert werden?

Die Züge bleiben bis zur vollständigen Abnahme in Alstom-Regie. Wir sind und bleiben Vertragspartner der ÖBB.

Wann wäre eine Zulassung möglich?

Derzeit läuft die Diskussion, ob die Züge direkt mit dem europäischen Zugsicherungssystem ausgeliefert werden müssen. Da braucht es eine Modifikation der Züge und der Strecke. Meines Wissens ist die Vorarlberger Strecke nicht dafür ausgerüstet. Sollte das System gleich benötigt werden, würde es also noch zwei bis drei Jahre dauern. Wenn es ohne geht, wäre die Auslieferung auch schneller möglich.

War am Ende vielleicht der Zeitplan von Land, ÖBB und Bombardier einfach zu ambitioniert?

Wenn ich mir den damaligen Zeitplan anschaue, dann ist „sehr ambitioniert“ geschönt. Aber in Deutschland fahren praktisch idente Züge. Wenn alles perfekt gelaufen wäre, wäre es mit geringer Verzögerung realistisch gewesen. Vielleicht war der Zeitplan einfach zu ambitioniert. VN-mip