Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Der Geschichtenzuträger

Vorarlberg / 12.05.2021 • 10:29 Uhr

Ein Erzählkranz in 10 Teilen, Teil 2

Wieder saß ich Karl im Railjet gegenüber, dem Mann mit den italienischen Schuhen. Er hatte sich gemerkt, was ich bei der Zugfahrt vor einem Monat gelesen hatte, nämlich Die Scham von Anni Ernaux, und kaum hatte er seinen Mantel abgelegt, zitierte er, noch im Stehen, die ersten Sätze aus diesem Buch. Sie wollten ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen:
„An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen. Ich war wie immer in die Messe um viertel vor zwölf gegangen. Wahrscheinlich hatte ich Kuchen mitgebracht …“
„Und,“ fragte ich Karl, „haben Sie weitergelesen?“
„Nein“, sagte Karl, „das konnte ich nicht, ich musste zuerst über die Psychologie in diesen Sätzen nachdenken. So eine Szene muss doch ein Trauma auslösen. Was meinen Sie?“

„Ich zog meine Beine mit den orthopädischen Schuhen zurück, damit sie seine italienischen nicht berührten.“

Ich zog meine Beine mit den orthopädischen Schuhen zurück, damit sie seine italienischen nicht berührten. Ich wusste nicht, was Karl vorhatte. Wollte er unsere Bekanntschaft vertiefen und zog mich deshalb in ein Literaturgespräch. Ich holte mein Handy aus der Tasche und rief meinen Mann an: „Hallo mein Schatz“, sagte ich. Das müsste doch zwischen Karl und mir Klarheit schaffen.
Ich sagte: „Das mit diesem Anfang ist natürlich ein Risiko. Gleich alles zu enthüllen, kann schiefgehen. Bei einer geübten Schriftstellerin wie Anni Ernaux, passt das. Lesen Sie weiter!“
„Wissen Sie, diese Szene erinnert mich an meine Eltern, nur umgekehrt – da war es meine Mutter, die auf den Vater losging. Nicht gleich mit einem Beil, nur mit einem Schuhlöffel aus Metall. Er hatte sie gekränkt. Mein Vater war zum Ausgehen bereit gewesen, meine Mutter ebenfalls, schon in ihrem Cocktailkleid und ihrer Perlenhalskette. Da hatte er zu ihr gesagt, sie sehe aus wie seine Mutter, so nehme er sie nicht mit. Er war gerade dabei gewesen, in seine Lackschuhe zu steigen, da riss sie ihm den Schuhlöffel aus der Hand und schlug ihm damit auf den Kopf. Er war so erschrocken, dass er sich nicht gewehrt hat. Beide sind dann zu Hause geblieben.“

„Es sind immer die kleinen Dinge“, sagte ich, „bei Annis Vater waren es die ewigen Vorwürfe seiner Frau, immer hatte er geschluckt, und dann war es auf einmal zu viel.“
„Ist das Fass übergelaufen“, setzte Karl meine Satz fort. „Weißglut könnte man auch sagen. Aber interessant ist ja, was diese Szene bei einem Kind auslöst. Sie geht in die Messe, holt beim Bäcker frisches Brot. Wann das Entsetzten eintritt, ist ungewiss.“
„Wie war es bei Ihnen?“, fragte ich.
„Das erzähle ich Ihnen bei der nächsten Fahrt. Wann gehen Sie wieder auf Reisen? Darf ich Sie um Mitteilung bitten?“
„Es ist alles ungewiss“, sagte ich und nahm mein aktuelles Buch zur Hand. Mein Tag in einem anderen Land von Peter Handke.
„Da möchte ich auch einmal hin“, sagte Karl.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.