Was das Abwasser über das Virus verrät

Das Abwasser zeigt die Coronaentwicklung früher als die Tests.
Bregenz Die Wahrheit liegt im Dreck. Menschen können zwar Coronatests verweigern, eine Probe landet aber garantiert in der Kanalisation. Das Abwasser von vier Kläranlagen wird mehrmals wöchentlich getestet. So konnte die Situation im Leiblachtal und in Lustenau vorhergesehen werden. Außerdem zeigen die Analysen: Die Südafrika-Variante hätte sich in Bregenz fast durchgesetzt.
Das Leiblachtal zeigte, wie schnell es gehen kann. Als die Zahlen stiegen, begann das Umweltinstitut, das Abwasser der Kläranlage Leiblachtal zu untersuchen. Die Virenkonzentration überstieg jene in anderen Anlagen um vieles. Die Landesregierung reagierte und wieder gab das Abwasser als erstes Aufschluss: Die Virenlast sank vor der Inzidenz. Im April löste eine andere Kläranlage Alarm aus: Die ARA Hofsteig, zu der Lustenau gehört. Rund 70.000 Einwohner sind an diese Kläranlage angeschlossen, es ist die größte im Land. Christopf Scheffknecht, Leiter der Umweltanalytik im Umweltinstitut, berichtet: „Wir haben die Virenkonzentration und die Inzidenz in Lustenau verglichen und gesehen, dass sich hier was anbahnt.”

Derzeit werden die Kläranlagen Bregenz, Dornbirn, Hofsteig und Hohenems mehrmals pro Woche überprüft. Damit sind rund 200.000 Vorarlberger in dieses Screening involviert. Die ARA Leiblachtal wurde kurzfristig in das Programm aufgenommen, mittlerweile ist sie nicht mehr dabei. Aus Ressourcengründen, wie Scheffknecht berichtet. „Wir haben das Programm gestartet, um den Entscheidungsträgern eine schnelle wissenschaftliche Analyse zu liefern. Es ist ein Angebot an die Politik. Aber das läuft alles neben unseren anderen Aufgaben.“ Das ist auch der Grund, weshalb Oberländer Abwasser nicht analysiert wird.
Wie das Frühwarnsystem funktioniert, zeigt ein Blick in die Kläranlage Bregenz. Während die Virenkonzentration im Abwasser schon Anfang November in die Höhe schnellte, stieg die Inzidenz zunächst langsam und erreicht den Höhepunkt, als es im Abwasser schon wieder weniger Viren gab. Der Grund: Infizierte zeigen erst nach wenigen Tagen Symptome und werden erst dann getestet.

Um eine Entscheidungshilfe bieten zu können, muss es schnell gehen. Um 7 Uhr wird die Probe entnommen, um 9 Uhr ist sie im Labor des Umweltinstituts. Dort wird sie bearbeitet, bevor sie um 16 Uhr per Express nach Innsbruck zu Heribert Insam ins Institut für Mikrobiologie gebracht wird. Am nächsten Tag steht das Ergebnis fest. Für die Vergleichbarkeit wird der Wert in Relation zum Ammoniumgehalt im Abwasser gesetzt. Denn der verrät die Einwohnerzahl. Scheffknecht betont: „Das ist ein mega Aufwand. Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen ist vergleichsweise einfach.“
Auch die Virenvarianten können im Abwasser nachgewiesen werden. Dazu wird es nach Wien geschickt. Mittlerweile hat sich die sogenannte britische Variante (B.1.1.7) durchgesetzt. In Bregenz war das für eine kurze Zeit nicht klar. B.1.17 kämpfte mit der sogenannten Südafrika-Variante (B.1.351) um die Vorherrschaft. Wie die Auswertung der Kläranlage zeigt, lag die Verbreitung von B.1.351 kurzzeitig auf über 75 Prozent, bevor B.1.1.7 die Oberhand gewann. Die britische Variante trat schon einmal Mitte Dezember in Erscheinung, setzte sich zunächst aber nicht durch.

Auch am Pandemie-Ende werde dem Abwasser eine wichtige Rolle zukommen, ist Schneffknecht überzeugt. „Dann geht es um das Frei-Messen.“ Denn: „Im Abwasser steckt immer die Wahrheit.“











