Frauenmorde und Politik
Eine Frau in Wien wird erschossen. Schon das neunte Opfer in diesem Jahr. Ein „Sicherheitsgipfel“ wird einberufen, die Opferschutzverbände, die Vertreterinnen von Frauenhäusern und Beratungseinrichtungen werden dazu nicht eingeladen. Ein Extra-Budget gäbe es noch nicht, aber man wolle die Polizei stärken. Und Frauen ermuntern, die 133 anzurufen.
Frauenministerin Raab kündigt eine Untersuchung an. Man müsse mehr über die Täter und ihre Motive wissen. Und natürlich lässt sie im ORF gleich einmal durchblicken, wo ihre Neugier am größten ist. „Gibt es etwa patriarchale Ehrkulturen, die unseren Wertvorstellungen widersprechen, die wir nicht in Österreich haben wollen?“ Der festgenommene Tatverdächtige nach dem letzten Mord ist in den Medien gut bekannt. Seine Persönlichkeit haben schon andere Frauen zur Genüge kennengelernt, seine Motive haben irgendwie mit der traditionellen österreichischen Trinkkultur zu tun. Sein Name tut nichts zur Sache, es reicht ihm selbst, als der „Bierwirt“ legendär zu sein. Aber Frau Raab will auch mit der zuletzt Ermordeten vor allem eins tun: das was sie Politik nennt, und eher wohl mit dem Ausleben von Ressentiments zu tun hat.
„Frauenministerin Raab kündigt eine Untersuchung an. Man müsse mehr über die Täter und ihre Motive wissen.“
Statt ihren Job als Frauenministerin zu machen, und Strukturen zu stärken, die Frauen in Bedrängnis helfen, egal aus welcher „Kultur“ sie selbst oder ihre Mörder stammen, buhlt sie um die Gunst mancher „Bierwirte“ und ihrer Stammtische. Aber vielleicht ist auch das ein Ressentiment? Vielleicht will sie einfach nur in der Buberlpartie in und um die Regierung, die sich schenkelklopfend im Chat mit frauenfeindlichen Sprüchen die Spitzenjobs der Staatsunternehmen gegenseitig zuschiebt, nicht anecken.
Frauen, die von Gewalt – wie wir wissen zumeist ihrer Partner und Ex-Partner – bedroht sind, den Rat zu geben die Polizei anzurufen, damit diese mit der „vollen Härte der Gesetze“ zuschlage, klingt irgendwie nach Minister Nehammer. Und nicht nach Kenntnis des Problems. Menschen, die von ihren Lebenspartnern bedroht werden, suchen in aller Regel zunächst einmal eine niederschwelligere, vielleicht auch diskretere Hilfe, als das nächste Polizeirevier. Auch wenn das oft nur der erste Schritt sein kann.
Doch die Opferberatungsstellen sind finanziell ausgeblutet. Dort muss sich eine Mitarbeiterin im Schnitt um mehr als 300 Opfer kümmern. Das ist die traurige Realität.
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.
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