SOS Kinderdorf: Ein Lebenswerk in Verruf

Schwere Vorwürfe gegen SOS-Kinderdorf International.
Dornbirn Wien Ein Missbrauchsskandal erschüttert SOS-Kinderdorf. In 20 Ländern in Afrika und Asien sollen in Einrichtungen und Projekten betreute Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch geworden sein. Auch von Misswirtschaft und Veruntreuung von Geldern ist die Rede. In Vorarlberg ist die Kinderschutzeinrichtung seit 1957 vertreten. Das SOS-Kinderdorf am Knieberg in Dornbirn wurde am 26. Juni 1966 in Anwesenheit seines Gründers, Hermann Gmeiner, sowie dem damaligen Landeshauptmann Herbert Kessler eröffnet. Die Vorfälle in Asien und Afrika sorgen deshalb auch in Vorarlberg für große Betroffenheit. „Gerade hier haben wir einen besonderen Bezug zu Hermann Gmeiner und seinem Lebenswerk SOS-Kinderdorf“, sagt Gerd Konklewski, SOS-Kinderdorfleiter in Vorarlberg. „Es ist richtig, jetzt genau hinzuschauen“, ergänzt er und zitiert Hermann Gmeiner, der einmal gesagt hat: „Alle Kinder dieser Welt sind unsere Kinder.“ In diesem Sinne müsse jetzt gehandelt werden.
Fokus auf Jugendarbeit
In Vorarlberg sind in den ersten 40 Jahren nach Gründung des SOS-Kinderdorfs rund 500 Kinder und Jugendliche in diesen Einrichtungen aufgewachsen. Ende 2014 wurde das SOS-Kinderdorf in Dornbirn aufgelöst, die 17 Häuser fielen der Spitzhacke zum Opfer. Heute konzentriert die Organisation ihren Fokus in Vorarlberg auf die Jugendarbeit. Es gibt das Projekt Jugendwohnen in Dornbirn und Bregenz, dazu das Betreute Außenwohnen sowie das Betreute Außenwohnen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In diesen Einrichtungen werden derzeit landesweit 43 Jugendliche betreut.
Die von SOS-Kinderdorf Österreich am Donnerstag publik gemachten Vorwürfe zu den Kinderschutzverletzungen sollen nun von einer unabhängigen Kommission unter Leitung von Waltraud Klasnic untersucht und aufgearbeitet werden. SOS-Kinderdorf-Geschäftsführerin Elisabeth Hauser hatte von „schwerem Fehlverhalten von Mitarbeitern und schwerwiegenden Vorwürfen“ berichtet. Kindern wurde demnach „Gewalt angetan, es kam zu Misshandlungen bis hin zu sexuellem Missbrauch“, führte Hauser aus und versicherte eine „schonungslose und transparente Aufarbeitung“. Nicht bekanntgeben wurden die Länder, in denen sich die Vorfälle abgespielt haben sollen, und die Anzahl möglicher Opfer, aber „die dürfte sich sehr klein halten“, ließ Hauser durchblicken.
Entschädigungsfonds eingerichtet
Mit einer ersten Untersuchung sei bereits vor drei Jahren begonnen worden, die nunmehrigen Unterlagen gehen auf eine externe Überprüfung vom November 2020 zurück. Die Vorfälle würden sie erschüttern, es wurde “eklatant gegen Werte und Standards verstoßen”, sagte Hauser. Mitarbeiter in den einzelnen Ländern, die die Vorfälle ansprachen, wurden laut der Geschäftsführerin “rausgedrängt, und den Kindern wurde nicht geglaubt”. Als Beispiel führte sie an, ein Kind, dessen Leistungen in der Schule sich verschlechtert hätten, sei eingesperrt worden und habe die eigenen Eltern nicht mehr besuchen dürfen. Hauser macht für die Vorkommnisse unter anderem eklatante Schwächen in der Organisation von SOS-Kinderdorf International verantwortlich. Für die Opfer wurde ein Entschädigungsfonds eingerichtet – “in Millionenhöhe”. Zudem sollen Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf International Geld veruntreut haben, etwa indem Bauprojekte in der Verwandtschaft in Auftrag gegeben worden sind. “Wir werden prüfen, ob österreichische Spendengelder veruntreut wurden”, versprach Hauser auf entsprechende Nachfrage. Um alle Vorwürfe aufzuarbeiten, wird die ehemalige steirische Landeshauptfrau und Leiterin der Unabhängigen Opferschutzkommission (UOK) der katholischen Kirche, Waltraud Klasnic, eine unabhängige Kommission einrichten. Sie spüre Willen und Wollen von SOS-Kinderdorf “alles zu tun, dass Ordnung hergestellt wird”, sagte sie. Kommende Woche soll sich die Kommission konstituieren. Ergebnisse sollen laut Klasnic, die bei der Aufarbeitung mit einer internationalen Anwaltskanzlei zusammenarbeiten wird, in der zweiten Jahreshälfte 2022 auf dem Tisch liegen.