Bregenzerwald: Pandemietote und erste Cluster schon vor 100 Jahren

Was heute Corona ist, war vor 100 Jahren die Spanische Grippe, die dem Bregenzerwald besonders zu schaffen machte.
Egg Es war der Beginn des großen Sterbens. Am 21. Juni 1918 erlag Elisabeth W. (67), Gattin eines Schuhmachers in Alberschwende, einer Influenza und Lungenentzündung. So steht es in der dortigen Sterbematrikel, die Wolfgang Weber in 14 Bregenzerwälder Gemeinden für eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit recherchierte. Die Alberschwenderin gilt als erstes Todesopfer der Spanischen Grippe im Bregenzerwald, Mitte Oktober des selben Jahres wurde erstmals von einem Cluster in der Vorderwäldergemeinde berichtet. 68 weitere Todesfälle in der gesamten Talschaft sollten in vier Wellen der Pandemie bis 1920 mit dem H1N1-Virus in Verbindung gebracht werden. „Wie heute gab es auch vor 100 Jahren kein verpflichtendes Regulativ in der Totenbeschau“, schreibt Wissenschaftler Weber in seiner Arbeit. Der feine Unterschied zwischen Sterben an oder mit einer Krankheit lasse sich daher nicht endgültig klären.

Wer derzeit aus dem Bregenzerwald ausreist, muss einen Kontrollposten vor dem Achraintunnel passieren. Alberschwende ist das sprichwörtliche „Tor zum Bregenzerwald“. Einfallstor für die Pandemie vor 100 Jahren war der Ort jedoch nicht, wie Webers noch nicht veröffentliche Arbeit belegt. Vielmehr habe es zahlreiche Einfallstore gegeben und ungezählte, unbekannte Nullpatienten. „Die Spanische Grippe folgte keiner Gesetzmäßigkeit, die sich berechnen ließ, sondern einem sich dem menschlichen Forschergeist entziehenden spontanen Anarchismus.“ Weber zählt Beispiele auf, wie etwa den Hinteren Bregenzerwald mit Schröcken, wo zwischen 1918 und 1920 kein einziger Grippetoter registriert wurde. Ein paar Kilometer weiter, in Schoppernau, starben in der gleichen Zeit fast die Hälfte aller Toten an der Grippe.
Hygieneregeln schon vor 100 Jahren
Um über die Dorfplätze einiger Bregenzerwälder Gemeinden zu gehen, braucht es aktuell eine Maske und einen negativen Covid-19-Test. Schutzmaßnahmen hat es in der Talschaft auch bei früheren Pandemien gegeben. Hygieneregeln von heute seien auch damals empfohlen worden. „Abstand halten, Stoffmasken tragen und die Hände waschen“, beschreibt der Wissenschaftler. Zudem wurden lokale Maßnahmen wie Schulschließungen durchgesetzt, auch Massenversammlungen, wie etwa eine Faschingsveranstaltung in Egg, wurden abgesagt. Niemand habe aber eine Einschränkung der Grundrechte zur Pandemiebekämpfung erwogen. Viele Wahlversammlungen hätten in diesen Jahren stattgefunden, auch im Zusammenhang mit der Anschlussbewegung Vorarlbergs an die Schweiz sei es zu Versammlungen gekommen.

Heute wie damals scheint es bei Pandemien kaum Gesetzmäßigkeiten zu geben. Der Bregenzerwald war bis vor ein paar Monaten ein weißer Fleck auf der Infektionskarte, jetzt ist er rote Zone. Das könne sich bis in drei, vier Wochen wieder drehen, so Weber. Parallelen zur Zeit der Spanischen Grippe gibt es mehrere. „Die Zuständigen in den Dörfern nahmen und nehmen die Verantwortung wahr. Auch die Loyalität und das Zusammenstehen innerhalb des Bregenzerwaldes sind geblieben“, beschreibt Wolfgang Weber Gemeinsamkeiten. Neu sei indes der Fingerzeig auf eine Talschaft. So etwas habe es in der Berichterstattung damals nicht gegeben, diese sei von viel Empathie getragen gewesen.