“Jedes Kunstwerk hat eine Seele”

Vorarlberg / 05.03.2021 • 13:49 Uhr
Als gelernter Textilchemiker und Siebdrucker hat Oliver Bischof sich voll und ganz der Bildhauerei verschrieben.<span class="copyright">Ritter</span>
Als gelernter Textilchemiker und Siebdrucker hat Oliver Bischof sich voll und ganz der Bildhauerei verschrieben.Ritter

Künstler aus dem Bezirk Feldkirch: Der Bildhauer Oliver Bischof (52) über Platon, Mathematik und Kopfkino.

Zwischenwasser Oliver Bischof, gelernter Textilchemiker und Siebdrucker, hat in Wien an der Universität für angewandte Kunst Bildhauerei und Raumkunst studiert. Als Chemiker weiß er vom inneren Aufbau der Körper und kennt die atomare Mikrostruktur der Stoffe. Sein Vater übernahm als Textilchemiker die Druckerei Rueff in Zwischenwasser. Künstler gingen bei ihnen ein und aus. Friedensreich Hundertwasser, Arik Brauer und Peter Kogler haben im Haus der Familie Bischof gewohnt.

Bildhauer mit Humor

Mathematik ist für Oliver Bischof ein wesentlicher Bestandteil für das Raumverständnis. Raum muss sich berechnen lassen. Der Künstler kennt die Raumtheorien, angefangen bei Platons Körperlehre, und setzt sie eindrucksvoll in Szene. Aus zwölf Fünfecken beispielsweise schafft er einen Ballon, der sich in einem rechteckigen Raum zu einer übergroßen Kugel aufbläst, sodass für den Besucher kein Platz mehr ist. „Die Kugel hat sich als Luftskulptur gefüllt und nahm den Raum ein, für die Betrachter wurde es eng, dann entspannte sich die Skulptur wieder, und Betrachter und Skulptur hatten ein gemeinsames Erlebnis“, lächelt Bischof.

Er arbeitet mit den elementaren, den überall vorkommenden, einfachen Komponenten. Nichts ist schwerer als das Leichte. Und dass das Leichte ganz schwer sein kann, offenbart diese mit naturwissenschaftlichen Mitteln betriebene Bildhauerei auf den ersten Blick. Der offene, geschlossene, der senkrecht oder in die Ebene sich verlängernde Kreis; Linien, die sich zu geometrischen Körpern formen. Ein Kommen, ein sich Annähern, ein Überspringen, ein Überlappen und wieder Weggehen; massives Material biegt sich, wirft Falten wie eine Welle, vom Wind getrieben und verworfen.

Der Künstler arbeitet mit raumgreifenden Materialien.
Der Künstler arbeitet mit raumgreifenden Materialien.
Geometrie und Stereometrie ist die Welt, in der Bischof sich bewegt.
Geometrie und Stereometrie ist die Welt, in der Bischof sich bewegt.

Bischof nimmt einen Faden auf, der – obwohl zentnerschwer – leicht und filigran Dynamik und Kraft zum Ausdruck bringen kann. Oben und unten sind austauschbar. Der Künstler arbeitet mit raumgreifenden Materialien. Schmieden, walzen, sägen, schneidbrennen, fräsen, brechen, biegen, spalten oder flämmen. Zerlegung, Teilung, Subtraktion, Division – all das ermöglicht bildnerische Entwicklung ins Bizarre, ins Räumliche, ins Konstruktive. Bischof bewegt sich zwischen den Polen Maß und Material, Proportion und Prozess. Verformung, Verwundung, Störung treten an gegen die sichere Ordnung von Geometrie und Stereometrie, Struktur und Serialität. Schwer kalkulierbare Risse und Spaltungen lassen erahnen, wie nah Destruktion und Anarchie sind. Ausgehend von abstrakten Plastiken liegt der Schwerpunkt in der spielerischen Auseinandersetzung mit Ausstellungssituationen und mit den Sehgewohnheiten des Betrachters. All das nennt sich Kopfkino: Bilder die zwar stehen bleiben, aber mit der Kraft der eigenen Fantasie zu laufen beginnen können.

Langsames Schauen

„Mein Atelier ist ein Schreibtisch, ein Computer und ein größerer Raum für meine Modelle. Bevor ich am Computer reinzeichne, mache ich um die 20 Modelle. Ich schweiße meine Skulpturen alle selber, in einer Größe, die ich noch selbst bewältigen kann“, erklärt der Bildhauer. Jedes Kunstwerk – so sagt Oliver Bischof – hätte eine Seele, eine Aura, ein Faszinosum, das man nicht erklären könne.

„Das Schöne an der Kunst ist, dass man versuchen kann, Leute an einen Punkt zu bringen, an dem man über Dinge nachdenkt, die man nicht erklären kann. Kunst ist der Transporter, um diese nicht sprachlich auszudrückenden Zwischenbereiche zu eröffnen. Es braucht das Ventil der Kunst, um in die Graubereiche der Gesellschaft einzudringen“, erläutert Bischof. Und abschließend betont der Künstler: „Wir schauen die Kunst zu wenig lang an. Die Leute müssen langsamer schauen lernen, denn wenn man ein Kunstwerk betrachtet, schaut man in sich selber hinein.“ YAS