Enormer Zulauf bei Kinder- und Jugendpsychiatrie

Vorarlberg / 20.02.2021 • 05:55 Uhr
Enormer Zulauf bei Kinder- und Jugendpsychiatrie
15 bis 20 Prozent mehr Kinder und Jugendliche melden sich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. VN

Die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Interview über die Folgen des Lockdowns: “Wir sind teilweise überbelegt”.

Rankweil Wie geht es eigentlich Kindern und Jugendlichen in der Coronakrise? Maria-Katharina Veraar, Primaria der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Rankweil, weiß es. Sie berichtet von einem stark gestiegenen Zulauf. Die Schulöffnung sei unerlässlich.

Veraar berichtet von Jugendlichen mit Tag-Nacht-Umkehr. <span class="copyright">KHBG/Weissengruber</span>
Veraar berichtet von Jugendlichen mit Tag-Nacht-Umkehr. KHBG/Weissengruber

Wie wirkt sich die Pandemie auf Ihre Arbeit aus?

Wir beobachten seit dem vierten Quartal 2020 einen deutlich gesteigerten Zulauf von Kindern und Jugendlichen, die in akuten Krisen zu uns kommen. In vielen Fällen reicht eine akute Krisenintervention nicht aus. Im besten Fall können wir sie in eine ambulante Behandlung entlassen. Meistens landen sie in der Tagesklinik oder auf einer Station.

Sind die Stationen voll?

Wir sind immer hoch ausgelastet. Die Zahl der ambulanten Vorstellungen und Aufnahmen hat aber um 15 bis 20 Prozent zugenommen, wir sind teilweise überbelegt. Das sind oft Kinder und Jugendliche, die uns bisher nicht bekannt waren. Für andere, die für eine geplante Aufnahme auf der Warteliste stehen, bedeutet die Situation, dass sie länger auf einen Platz und damit eine adäquate Behandlung warten müssen. Sie sind länger krank.

Mit welchen Störungsbildern kommen sie zu Ihnen?

Im Jugendbereich ist Suizidalität ein Thema. Dahinter liegen eine Art Erschöpfungsdepression und eine depressive Entwicklung: Ich kann nicht mehr, ich fühle mich mit Fernunterricht, den wechselnden Anforderungen und den langen Tagen am PC völlig überfordert. Ich habe Angst, den Anschluss zu verpassen. Auch Jugendliche mit Angststörungen kommen zu uns. Für sie war der erste Lockdown zunächst eine Entlastung. Aber jetzt kommen sie mit der Situation im Online-Unterricht nicht zurecht. Auch bei Kindern ist das Bild ganz unterschiedlich, sie werden aber eher auch körperlich symptomatisch.

Warum sind die Zahlen im vierten Quartal gestiegen, wo doch der erste Lockdown im März 2020 verhängt wurde?

Studien zeigen, dass vor der Coronakrise zwei von zehn Kindern an einer psychischen Erkrankung litten, nach dem ersten Lockdown waren es drei von zehn. Diese Zahl ist geblieben. Aber der erste Lockdown war bei uns nicht spürbar. Die Botschaft lautete: Bleibt zu Hause. Vielleicht gab es dadurch Hemmungen, zu uns zu kommen. Im Sommer schien es, alles sei überstanden. Dann hat die Schule wieder angefangen, der Unterricht wechselte rasch in den Lockdownmodus. Das dürfte für viele zu einer großen Überforderung geführt haben.

Sie erwähnen immer wieder die Schule. Spielt die Schule also eine wesentliche Rolle?

Ja, eine ganz zentrale. Ich würde das gleichwertig mit Familie und Elternhaus sehen. Wenn das wegfällt, fehlt Kindern und Jugendlichen etwas. Abgesehen von den Schwierigkeiten im Online-Unterricht fehlen die sozialen Kontakte. Das ist durch digitale Kontakte nicht auszugleichen.

Ist es also wichtig, dass die Schulen wieder geöffnet haben?

Unbedingt! Ich würde das priorisieren. Mittlerweile ist man dran und überlegt sich Konzepte. Die Botschaft ist angekommen, dass es für Kinder und Jugendliche nicht zumutbar ist, unter diesen Bedingungen zu Hause zu bleiben. Sie brauchen eine Struktur. Ich hoffe, dass der Präsenzunterricht deshalb bald wieder stattfinden kann. Jetzt können Jugendliche zwar zwei Tage in die Schule, aber sie wechseln immer wieder. Das erschwert die Einhaltung einer Struktur extrem.

Es gibt Eltern, die ihre Kinder den Schulbesuch verunmöglichen, weil sie Coronatests ablehnen.

Das verstehe ich nicht. Die Kinder bei uns hatten permanent Unterricht. Sie müssen Masken tragen und werden getestet, sie tolerieren das sehr gut. Der Unterricht hat sich als sehr positiv gezeigt. Eltern schaden ihren Kindern mehr, wenn sie sie zu Hause lassen, nur weil sie nicht wollen, dass ihr Kind eine Maske trägt oder sich testet.

Welche Rolle spielen die Eltern bei psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen?

Kinder sind in höherem Ausmaß als Jugendliche von der familiären Situation abhängig. Sie sind viel abhängiger von dem, wie es den Eltern geht. Wenn sich Eltern Sorgen machen, ist das eine persönliche Belastung für Kinder. Jugendliche können das anders beurteilen. Sie befinden sich in einer Entwicklungszeit, in der sie sich verselbstständigen und Autonomie entwickeln. Das kann nicht in der Familie stattfinden. Dafür braucht es Kontakte zu Freunden, was im Lockdown nicht geht. Digitale Möglichkeiten ersetzen analoge Kontakte nicht. Auch die positiven Erlebnisse nach einem anstrengenden Schultag fehlen. Das kann depressive Entwicklungen begünstigen.

Worauf muss zu Hause geachtet werden?

Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in der Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen. Deshalb ist es wichtig, die Strukturen aufrecht zu erhalten. Man soll Kindern nur zu gewissen Zeiten Medien zugestehen. Ich würde ihnen in der Nacht keinesfalls das Smartphone lassen. Wichtig ist, dass sie jeden Tag draußen sind und man die digitalen Medien im Auge behält. Wir haben viele Jugendliche, die mit einer Tag-Nacht-Umkehr zu uns kommen, weil sie nächtelang in Chats sitzen und am Morgen völlig übermüdet sind.

Auch Vereine sind geschlossen. Wirkt sich das auch auf Kinder und Jugendliche aus?

Die Schule spielt eine größere Rolle. Aber selbstverständlich ist die Einschränkung der Freizeitaktivitäten, die Schließung von Vereinen und Freizeiteinrichtungen ebenfalls ein negativer Aspekt. Da sollte man keine Mühen scheuen, Vorsichtsmaßnahmen zu finden, die Kindern und Jugendlichen zusätzlich zur Schule auch Freizeitaktivitäten wieder ermöglichen.