Späte Liebe, großes Glück

Bei Bernhard Wittwer (93) und Gertrud Öttl (82) schlug im Vorjahr auf der Versettla der Liebesblitz ein.
Gaschurn Gertrud Öttl (82) und Bernhard Wittwer (93) sitzen einträchtig auf der Bank vor dem Haus und genießen die schon leicht wärmende Februarsonne. Bernhard hält Gertruds Hand fest in seiner. Immer wieder drückt er ihr einen Kuss auf die Wange. Sie tätschelt seine Hand. Es ist unübersehbar. Die Sonne scheint auch in den Herzen dieser beiden Menschen. Die Betagten sind schwer ineinander verliebt.
Ihre Liebe ist noch jung. Im vergangenen Sommer fanden sie auf der Versettla zueinander. „Wir saßen zusammen auf einer Bank. Bernhard erklärte mir die Berge ringsherum. Und dann lagen wir uns auf einmal in den Armen“, plaudert Gertrud aus dem Nähkästchen. Beide hatten einander bereits von der Jass-Runde her gekannt. Sie waren sich sympathisch und beschlossen miteinander einmal einen Ausflug zu machen. Auf der Versettla war ihre Liebe entbrannt, auf Bernhards Maisäß wurde sie innig. „Wir haben dort einen Tag verbracht. Dann kam die große Liebe“, verrät die Schrunserin, die wie Bernhard im siebten Himmel schwebt. Die Liebe überraschte Gertrud. Sie hätte nach dem Tod ihrer zwei Lebensmenschen nicht gedacht, „dass ich mich noch einmal in einen Mann verliebe“.
“Gertrud ist mein Sonnenschein. Wenn wir uns hören und sehen, dann geht die Sonne auf.”
Bernhard Wittwer, Partner von Gertrud
Das glückliche Pärchen lebt (noch) nicht zusammen, es sieht sich ein- bis zweimal in der Woche. „Aber wir telefonieren fünf Mal am Tag. Wenn Bernhard anruft, bin ich ganz fiebrig.“ Mit Gertrud kam wieder Freude in Bernhards Leben. „Sie ist mein Sonnenschein. Wenn wir uns hören und sehen, dann geht die Sonne auf.“ Hinter dem Gaschurner liegen viele Regentage. Im Mai 2017 starb seine Frau Agnes, mit der er 58 Jahre verheiratet war. „Unsere Ehe war spitze. Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen, weil wir uns mochten.“ Als Agnes in seinen Armen starb, wäre er am liebsten mit ihr mitgegangen – so elend fühlte er sich, als sie ihn für immer verließ. Noch Monate nach ihrem Tod griff er auf die andere Bettseite und suchte nach ihrer Hand. So leer wie das Bett war jetzt sein Leben. Nur seine Kinder und Enkel brachten etwas Licht in seinen Alltag.
“Wollen gemeinsam sterben”
Seit er Gertrud liebt, ist der Witwer wie verwandelt. Jetzt zählt nicht mehr das, was war, sondern die Gegenwart und die Zukunft. Der tiefgläubige 93-Jährige hofft, dass ihm der Herrgott noch ein paar Jahre schenkt, „damit ich diese Liebe leben kann“. Inzwischen bedeuten Gertrud und Bernhard sich schon so viel, dass beide nicht mehr ohne den andern sein wollen. Die Vorstellung, dass einer stirbt und den andern allein zurücklässt, schmerzt beide. „Für uns wäre es das Schönste, wenn wir in derselben Stunde sterben könnten“, gibt das Paar seine innersten Gedanken und Gefühle preis.