Die Tracing-Odyssee einer Corona-Positiven

Als eine Dornbirnerin positiv auf Corona getestet wird, beginnt eine komplizierte Contact-Tracing-Geschichte.
Schwarzach Alles beginnt mit einer Nachricht: Ein Freund hat sich im Krankenhaus das Coronavirus eingefangen. Pflichtbewusst und mit leichter Rotznase ausgestattet fährt Frau Müller (Name geändert) zum Hausarzt und unterzieht sich einem Antigen-Schnelltest. Positiv. Ihr wird ein PCR-Abstrich genommen und sie erhält ein ausgedrucktes Schreiben, auf dem sie aufgefordert wird, zu Hause zu bleiben. Und: „Nennen Sie uns noch heute ihre engen Kontaktpersonen über folgenden Formularlink.“ Es folgt eine 113 Zeichen lange URL mit Sonderzeichen, Zahlen und Buchstaben – zur händischen Eingabe. Auch ein QR-Code, um das Ergebnis abzurufen, ist abgedruckt. Es ist der 17. November und der Beginn einer Nachverfolgungsodyssee.
Sechs Wochen sind vergangen, seitdem die Landesregierung klein beigeben musste. „Wir können in der nächsten Zeit nicht mehr den vollen Umfang der Kontaktnachverfolgung aufrechterhalten“, gab sie am 23. Oktober bekannt. Ein paar Wochen später vermeldete sie: alle Fälle aufgearbeitet, alles wieder im Griff. Deshalb scheuten sich die Verantwortlichen nicht, vor dem Massentest bekannt zu geben, alle Fälle nachverfolgen zu wollen. Florian Themessl-Huber, Pressesprecher der Landesregierung, bekräftigt, dass man für die Massentests gerüstet sei. „Es wurden zusätzlich Mitarbeiter aus dem Landesdienst für die Mitarbeit am Wochenende mobilisiert und eingeschult.“ Als Frau Müller am 17. November positiv getestet wird, funktioniert einiges noch nicht.
Zum Beispiel der QR-Code auf dem ausgedruckten Zettel, der dazu dient, das Ergebnis abzurufen. Am Abend des Folgetages wählt Frau Müller die Nummer 1450. Es stellt sich heraus, dass keine Telefonnummer hinterlegt ist. Das Programm sei leider nicht mit jenem des Infektionsteams kompatibel, weshalb die Nummer auch nicht nachgetragen werden kann, wird ihr gesagt. Laut Themessl-Huber verwenden die zwei Teams tatsächlich unterschiedliche Software, was an den unterschiedlichen Aufgaben liege.
Frau Müller erhält nach diesem Anruf das Ergebnis per Mail: Auch der PCR-Test war positiv. Außerdem informiert man sie, dass ihr positives Ergebnis doppelt im System und damit in der Statistik aufscheine. „In der Vergangenheit gab es Einzelfälle, bei denen irrtümlich zwei Fälle angelegt wurden“, bestätigt Themessl-Huber. Mitte Dezember soll eine neue Software eingeführt werden, die diese Fehlerquelle ausschließen soll.
Bei Herrn Müller klappt die Abfrage per QR-Code am 19. November problemlos. Auch er ist positiv, sein Schnelltest war noch negativ. Mittlerweile klagen die zwei älteren Kinder über Kopfschmerzen. Anruf bei 1450. Dort sagt man: Es wird erst getestet, wenn sich das Infektionsteam für das Contact-Tracing meldet. Das sei normal, erläutert Themessl-Huber. Im Zuge des Contact-Tracings werden Personen im gemeinsamen Haushalt zum Test angemeldet.
Am 20. November werden die Symptome der Kinder stärker, ein Mädchen bekommt einen Hautausschlag. Am Nachmittag wird zunächst Herr Müller angerufen. Er reicht die Telefonnummer von Frau Müller weiter, bei der sich das Infektionsteam anschließend meldet. Die Quarantäne dauere bis 23. November, bei den Kindern melde man sich separat. Am Abend des 21. November erhält sie den Quarantänebescheid.
Am 22. November klingelt das Telefon Sturm. 1450, Infektionsteam, Ages und das Rote Kreuz melden sich, weil alle drei Kinder zum Test sollen. In der Messehalle werden sie getestet: Die beiden älteren sind positiv, das jüngste negativ. Beim Antigentest der mittleren Tochter sei aber kein zweiter Strich zu sehen, erzählt Frau Müller. „Ich habe das Infektionsteam gebeten, den Befund zu prüfen.“ Am 23. November kommt der Rückruf. Der Test sei nicht eindeutig, im Zweifelsfall aber positiv.
Um 16.30 Uhr erhält die mittlere Tochter einen Bescheid, dass sie als Kontaktperson von Frau Müller bis 27. November in Quarantäne muss. Um 17.20 Uhr folgt der Bescheid, der sie als positiv Getestete bis 28. November unter Quarantäne stellt. Einen Tag später folgt dasselbe Spiel bei der älteren Tochter: Zwei unterschiedliche Bescheide innerhalb einer Stunde. „Alle meine genannten Kontaktpersonen haben zu diesem Zeitpunkt vom Infektionsteam noch nichts gehört. Meine Schwägerin ist Kindergärtnerin“, erzählt Frau Müller.
Am Tag darauf erhält die jüngste Tochter einen Bescheid als Kontaktperson. Die anderen Kontaktpersonen bekommen ihre Bescheide zwischen dem 28. und dem 30. November zugestellt. Jeweils mit dem Hinweis, dass ihre Quarantäne am 23. November endet. Am 1. Dezember bekommt Frau Müller das Gesundheitstagebuch für ihre älteste Tochter zugeschickt – vier Tage nach Ende der Quarantäne.
Mittlerweile hat Frau Müller erfragt, weshalb die angegebenen Kontaktpersonen zunächst nichts hörten. Antwort: Sie habe am Ende des Formulars eine Frage, ob sie kontaktiert werden sollen, mit Nein angekreuzt.