“Kann sein, dass es nicht der letzte Lockdown ist”

Vorarlberg / 31.10.2020 • 09:30 Uhr
Der Gesundheitsexperte hofft, dass die Ampel irgendwann wieder auf Gelb und Grün schaltet. <span class="copyright">VN/Lerch</span>
Der Gesundheitsexperte hofft, dass die Ampel irgendwann wieder auf Gelb und Grün schaltet. VN/Lerch

Armin Fidler befürchtet, dass dem Hammer wieder der Tanz und wieder der Hammer folgt.

Schwarzach Gesundheitsexperte Armin Fidler spricht im VN-Interview über die Hammer-und-Tanz-Strategie, über den Lockdown und erklärt, was uns noch erwartet.

Sie sitzen in der Ampelkommission. Ist Vorarlberg jetzt nur teilweise rot?

Bei den Regionen mussten wir die Region Montafon-Brandnertal auf Rot stellen. Allerdings haben wir zusätzlich den risikoadjustierten Durchschnitt der gesamten Bundesländer angesehen. Nach unseren Kriterien sind alle Bundesländer außer Kärnten rot. Auch auf gesamt Österreich sind wir weit über den von uns abgemachten Kriterien. Also wäre auch ganz Österreich rot.

Benötigt es neue Rottöne? In Bayern gibt es zum Beispiel dunkelrot.

Die Frage lautet: Wie geht es weiter? Wir hoffen, dass wir sie auch wieder runterschalten können. Außerdem könnte man bei der Ampelfarbe mehr gewichten, worauf es wirklich ankommt, nämlich auf die Auslastung der Krankenhäuser und Intensivstationen.

Wie hoch ist nun eigentlich die Mortalität?

Das ist wahnsinnig schwer zu schätzen. Wir unterscheiden zwischen der case fatality rate und infection fatality rate. Die case fatality rate beschreibt die Todesrate bei positiv getesteten Fällen. Die infection fatality rate versucht, die tatsächliche Mortalität festzustellen. Also mit allen, die infiziert sind. Das funktioniert mit Schätzungen. Es gab eine Metaanalyse, die versucht hat, diese Rate zu schätzen. Sie kommt auf ungefähr 0,8. Aber das ist sehr bedingt aussagekräftig. Es hängt auch vom Alter ab. Wir wissen, dass die Mortalität bei unter 50-Jährigen sehr gering ist. Danach steigt sie rasant an. Bei über 85-Jährigen sind wir in Österreich bei über 20 Prozent.

Ist der Lockdown unausweichlich?

Wie definiert man Lockdown? Da kommen sofort die Bilder vom Frühjahr hoch. Das war tatsächlich ein Lockdown mit Ausgangssperren, Schließung des öffentlichen Lebens und der Schule. Darauf hat man wenig Appetit. Es dürfte so wie in Deutschland werden. Arbeitswelt und Schulen bleiben offen, der private Vergnügungsbereich wird heruntergefahren. Ich kann mir vorstellen, dass Österreich etwas Ähnliches vorhat. Aber das werden wir erst am Samstag wissen.

Wie sinnvoll sind die Einschränkungen?

Das Stückelwerk, hier eine Stunde kürzer, dort eine neue Maßnahme, bringt wahrscheinlich nicht mehr viel. Man sieht auch immer wieder, dass die bestehenden Regeln nicht halten. Die andere Möglichkeit ist eben, es kurz und aggressiv zu machen. Wir sind wieder bei Hammer und Tanz, wie schon im Frühjahr. Bei diesen Infektionszahlen geht sich der Tanz nicht mehr aus. Wir brauchen den Hammer zwischendurch.

Das heißt, es könnte nicht der letzte Lockdown sein?

Wir haben im Frühjahr gemeint: Zuerst der Hammer, danach regeln wir es mit dem Tanz. Aber vielleicht braucht es mehrere Hämmer hintereinander, bis wir einen Impfstoff haben: dann wieder Tanz, dann wieder Hammer. Es kann durchaus sein, dass es nicht der letzte Lockdown ist.

Wie lange soll sich das noch hinziehen?

Bis der Impfstoff in großen Mengen vorhanden ist, kann es schon noch sechs Monate dauern. Ich kann mir vorstellen, dass es da einer Strategie bedarf. Zwei bis vier Wochen Hammer, dann wieder zwei bis vier Monate Tanz, also testen, nachverfolgen und isolieren. Nur jetzt geht das nicht mehr. Wir haben so viele Fälle, dass wir damit hinten und vorne nicht mehr nachkommen. Das ist ein internationales Problem, nicht nur in Österreich.

Sechs Monate bis zum Impfstoff?

Ursula von der Leyen hat gesagt, dass der Impfstoff in der EU erst in sechs Monaten in Mengen erhalten werden kann. Da geht es nicht um die Zulassungen. Ein paar 1000 Dosen für Risikopersonal oder Risikogruppen könnte es schon früher geben. Aber das ist nicht die Quantität. Für weite Teile der Bevölkerung wird ein Impfstoff im Frühjahr oder später erwartet.

Warum ist die zweite Welle heftiger als die erste?

Wir können zum Vergleich die spanische Grippe betrachten. Damals gab es eine relativ kleine erste Welle. Dann kam eine sehr große zweite Welle. Sie war fünfmal so hoch. Und dann kam in manchen Teilen der Erde eine kleine dritte Welle. Auch damals gab es keinen Impfstoff, keine Therapie und nur primitive Maßnahmen: Mundnasenschutz, Abstand, Quarantäne.