Missbrauchsopfer: “Der Mann hat meine Seele getötet”

Ein Mann verging sich über Jahre an einem Mädchen in seinem Umfeld. Niemand beendete das Martyrium des Kindes.
Schwarzach Petra* (60) kann nicht mehr weinen. „Seit ich 15 bin, habe ich nicht mehr geheult. Ich bin wie ein Stein und habe anscheinend keine Gefühle mehr. Etwas in mir ist tot und abgestorben.“
Die 60-Jährige wurde als Kind von einem Mann aus ihrem Umfeld misshandelt und sexuell missbraucht. “Dieser Mann nahm mir mein Leben. Er hat mich gebrochen. Ich hocke jetzt zwar da, aber es ist nur meine Hülle. Meine Seele ist kaputt.“ Das Mädchen fürchtete sich, wenn er zu ihr nach Hause kam und einen über den Durst getrunken hatte. “Er zog den Gürtel aus und schlug mich, bis ich vor lauter Todesangst und Schmerzen in die Hose machte.“
Petra war noch keine acht Jahre alt, als dieser Mann sie zum Sex nötigte. „Anfangs waren es Sexspiele. Irgendwann kam es zur Vergewaltigung.“ Die Kinderseele zerbrach daran. „Es war Seelenmord.“ Niemand schützte das Mädchen vor den Übergriffen.
Sich selbst die Nase blutig geschlagen
In der Familie kam sich Petra als Außenseiterin vor. „Ich fühlte mich wie das schwarze Schaf.“ Das Mädchen erfuhr im Elternhaus keine Liebe oder Zuwendung. „Ich kann mich nicht erinnern, dass Mama mich je in die Arme oder auf den Schoß genommen hat. Sie gab mir auch keine Bussis.“ Um Aufmerksamkeit zu bekommen und als Mensch gesehen zu werden verletzte sich das Kind ein paar Mal selbst. „Ich habe mir die Nase blutig geschlagen und Mama gesagt, dass ich hingefallen wäre.“
Aber Petra war definitiv nicht das Lieblingskind ihrer Mutter. Ihre Geschwister durften bei einem Gewitter zu Mama ins Bett kommen. Nicht so Petra. „Bei mir hieß es: ,Du bist alt genug und kannst allein schlafen.‘“ Die Puppe, die Petra sich vom Christkind sehnlichst wünschte, bekam nicht sie, sondern ihre jüngere Schwester. Später schenkte ihr ein Mädchen aus der Nachbarschaft seine Puppe. „Ich habe für sie Kleider genäht, sie schön angezogen, gewickelt und ihr sogar die Brust gegeben.“
“Der Pfarrer sagte zu mir: ,Jeder hat einen Rucksack zu tragen. Deiner ist besonders voll. Aber er wird auch einmal leer.'”
Petra, Missbrauchsopfer
Aber die sexuellen Übergriffe überschatteten auch diese wenigen glücklichen Momente. Petra vertraute sich einzig dem Pfarrer an. „Wenn es mir zu viel wurde, konnte ich zu ihm in den Beichtstuhl kommen.“ Das Mädchen war oft bei dem Geistlichen. „Er sagte zu mir: ,Jeder hat einen Rucksack zu tragen. Deiner ist besonders voll. Aber er wird auch einmal leer.‘“ Das gepeinigte Kind wandte sich in seiner Not auch an den Herrgott. „Ich habe oft darum gebetet, dass man mich in Ruhe lässt.“ Aber auch der „liebe“ Gott beendete das Martyrium des Mädchens nicht. „Er hat mir nie geholfen.“ Petra kam zu der Überzeugung, dass es keinen Gott und auch keine Gerechtigkeit gibt. „Heute glaube ich nur an mich, an sonst nix.“
Sie schaffte es aus eigener Kraft, sich aus dem Sumpf ihrer schlimmen Kindheit herauszuziehen. „Jetzt lebe ich gern. Jetzt habe ich mein Leben im Griff. Ich habe einen tollen Mann, gut geratene Kinder und entzückende Enkel.“ Aber viele Jahre sei es ihr nicht gut gegangen, sagt sie. Mit 18 war sie so verzweifelt, dass sie keinen Sinn mehr im Leben sah und Tabletten schluckte. Als sie im Spital aufwachte, wusste sie nicht, ob sie sich freuen oder grämen sollte.
Für die Kinder gelebt
Wenige Jahre später wurde Petra Mutter. Ab da wusste sie, wofür sie lebte. „Die Kinder bedeuteten mir alles. Sie gaben mir das, was ich nie bekommen hatte: Zuwendung. Sie umarmten und küssten mich. Und ich konnte ihnen meine Liebe geben.“ Obwohl Petra nach dem zweiten Kind in eine tiefe Krise schlitterte, schaffte sie es, wieder auf die Füße zu kommen und für ihren Nachwuchs da zu sein. „Die Kraft bezog ich von meinen Kindern. Wenn ich sah, wie sie lachten und glücklich waren, ging es mir gleich besser. Dann habe ich meine Selbstmordgedanken verworfen.“
Mittlerweile hat Petra ein Rezept gegen negative Gefühle gefunden: „Wenn es mir nicht gut geht, schaue ich mir Fotoalben von meinen Kindern und Enkeln an.“ Das bringt die leidgeprüfte Frau wieder ins Gleichgewicht. Freilich: Ihre Albträume lassen sich so nicht unter Kontrolle bringen. Immer wieder träumt sie davon, dass sie vor Schlägen und Vergewaltigung fliehen möchte. „Ich will davonrennen, aber ich komme nicht vom Fleck, als ob mich jemand festhalten würde.“
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