Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Schadenfreude

Vorarlberg / 12.10.2020 • 08:29 Uhr

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als die Corona-Erkrankung Donald Trumps publik wurde? Ich muss gestehen: Bei mir ist Schadenfreude aufgekommen. Ausgerechnet der größte Corona-Verharmloser, der die Krankheit mit einer saisonalen Grippe verglichen hat, musste tagelang im Spital mit hochdosierten Medikamenten behandelt werden. Er ist ein Superspreader, der viele in seiner Umgebung auch angesteckt hat. Bei den Erkrankungen der ebenfalls lange Zeit Corona herunterspielenden Boris Johnson oder Jair Bolsonaro, beide für viel zu späte Maßnahmen in ihren Ländern verantwortlich, hatte ich ähnliche Gedanken.

„Das Wort gibt es übrigens weder im englischen noch im französischen Sprachgebrauch.“

Nun hat Kollegin Julia Ortner in den VN Empathie für Trump gefordert, Zitat: „Mitmenschlichkeit fängt oft erst dort an, wo es für einen persönlich schwierig wird, sie zu leben.“ Da ist natürlich was dran. Aber ich habe für meinen Standpunkt den renommierten deutschen Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann von der Uni Bremen als Bundesgenossen. Er sagt über die Schadenfreude bei Trump: „In diesem Fall trifft sie ja wohl auch den Richtigen. Er hat das Virus lange geleugnet, er will davon nichts wissen und dann erwischt’s ausgerechnet ihn. Das ist doch wie ausgleichende Gerechtigkeit.“ Die Psychologin Lea Boecker gilt in Deutschlandals die Expertin zum Thema Schadenfreude schlechthin. Das Wort gibt es übrigens weder im englischen noch im französischen Sprachgebrauch. Dort nennt man es ebenfalls „Schadenfreude“. Boecker meint, die Schadenfreude habe zwar einen schlechten Ruf, aber die Forschung zeige, „dass dieses Gefühl wichtige psychologische Bedürfnisse erfülle, etwa nach Gerechtigkeit“. Für Schadenfreude sei relevant, ob die Person „das Unglück verdient hat, weil sie vorher arrogant oder ignorant war“. Das hat sie übrigens lange vor Trumps Erkrankung formuliert.

Nun hat es den Anschein, dass Trump nicht über seine zahllosen Lügen, menschenverachtenden Aussagen, die Steuerprobleme oder die Attacken auf die Justiz stolpert, sondern weil er in der Bekämpfung der Pandemie völlig versagt hat (7,7 Millionen Infizierte in den USA, 214.000 Tote). Jetzt muss er, auch körperlich schwer angeschlagen, wahlkämpfen, um vielleicht doch noch zu gewinnen. Da jagt eine Inszenierung die andere. Wir können uns noch auf einige Volten gefasst machen.

Stichwort „Wahlkampf“. Der frühere Wiener Bürgermeister Häupl hat ihn als „Zeit fokussierter Unintelligenz“ bezeichnet. Es ist zu hoffen, dass nach der Wien-Wahl wieder die Intelligenz die Oberhand gewinnt. Aktuelle Beispiele für das Häupl-Zitat: FPÖ-Abgeordnete verweigern im Parlament ostentativ das Tragen von Masken, der Wiener Gesundheitsstadtrat, genervt vom überflüssigen Wien-Bashing der Türkisen, kündigt die Mitarbeit bei der Corona-Bekämpfung auf und muss von seinem Bürgermeister zurückgepfiffen werden, sodass ab heute wieder Teamarbeit zwischen Bund und Ländern beim Corona-Management möglich ist.

Es gibt viele, die meinen, dass die starre Haltung von Kurz und Co. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus Moria dem Wiener Wahlkampf geschuldet war. Der wäre doch jetzt vorbei, oder? Zumal die Unterstützung für den harten Kurs in der eigenen Partei immer mehr bröckelt, wie die ÖVP-Abgeordnete Schuster-Burda im Landtag gezeigt hat. Sie hat, Chapeau, als einzige ihrer Partei dafür gestimmt, dass Vorarlberg 50 Moria-Flüchtlinge bis zur Klärung des Asylstatus aufnimmt. Wer ist der/die Nächste?

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.