Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Das Amselweibchen

Vorarlberg / 05.10.2020 • 16:00 Uhr

Ein Amselweibchen hat sich in meinen Urwald verirrt und Böses angerichtet, Blätter zerfetzt, ist verzweifelt gegen die Scheibe gejagt, voller Panik. Ich öffnete Türen und Fenster, versuchte, die Amsel herauszulocken, einmal fast hatte ich einen Flügel gefasst, aber nur eine Sekunde lang. Gleich ist sie mir entwischt und zickzack zwischen den Schlingpflanzen verschwunden. Ich holte den Besen, versuchte ihr einen Weg zu bahnen, vergebens. Ich drehte das Radio laut, dachte, Musik könnte sie vertreiben. Gerade lief Mozart, der zart war und das Amselweibchen beruhigen sollte. Ich, bereits erschöpft, ließ mich auf den Teppich fallen. Dachte an den Gesang der Amseln. Nur die Amselmänner singen. Die Frauen rufen. Fiepsen.

„Ich holte meine Lederhandschuhe und versuchte, nach ihr zu greifen, ganz vorsichtig. Sie ließ mich nicht heran.

Ich begann, die Pflanzen auszuräumen, zur Fensterscheibe vorzudringen, an die das Amselweibchen immer wieder schlug. Es war ein Alptraum. Ich träumte nicht. Ich fror. Die Luft war kalt, Wind bauschte die Vorhänge. Ich ging in die Küche und trank zwei Gläser Wasser in einem Zug. Was, wenn das Amselweibchen nicht herausfindet? Ich rief meinen Mann an und erreichte ihn nicht. Rief meine Söhne an und erreichte sie nicht, die Tochter versuchte mich zu beruhigen. Mama, geh aus dem Zimmer, schließ die Tür und leg dich eine Stunde ins Bett. Wenn du dann aufstehst, wird sie nicht mehr da sein. Sie kann doch nicht so dumm sein und die Freiheit nicht finden, muss nur zur Tür oder zum Fenster hinaus fliegen.

Aber wie ist das, wenn man Angst hat? Sieht man den Ausweg nicht?
Braungrau ist ihr Gefieder, gesprenkelt die Brust, ihr Schnabel unauffällig. Sie trägt ein Tarnkleid. So oft habe ich schon ihren Mann vom Apfelbaum herunter singen hören.

Könnte er ihr nicht beistehen, der schöne, mit dem orangen Schnabel, dem Ring um die Augen, seinem tiefschwarzen Gefieder. Sein Weibchen trägt ein Tarnkleid, singt nicht. Könnte er sie nicht befreien, als ob’s im Märchen wäre?
Nach einer Stunde endlich rief mich mein Mann zurück – er war zum Pizzaessen in einem Restaurant gewesen.

Sei ganz ruhig, sagte er, steh auf, geh leise an den Rand des Urwalds und rede dem Amselweibchen gut zu. Du wirst sehen, es funktioniert.

Ich hörte ihr Flügelschlagen schon vor der Tür, leise öffnete ich, ging auf Zehenspitzen. Gerade zappelte sie an einem Kaktus, sie hatte sich verfangen und war verletzt. Ich holte meine Lederhandschuhe und versuchte, nach ihr zu greifen, ganz vorsichtig. Sie ließ mich nicht heran.

Dann ging ich wieder vor die Tür, es regnete jetzt, ich atmete tief durch, fror in meinem Nachthemd. Es war ja Nacht und dunkel.

Wieder stand ich vor dem Eingang des Urwalds, und da war sie nicht mehr. War davongeflogen. Aber wie? Sie hatte sich ja verletzt. Ich nahm die Taschenlampe, zog die Gummistiefel an und suchte sie im Garten. Sie war nicht mehr da.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.