Everest-Bezwinger fühlte sich nie als Held

Extrembergsteiger Theo Fritsche nutzte seinen Ruhm, um dem Land Nepal zu helfen.
Nüziders Theo Fritsche durfte nie Kind sein. An Zeiten des Spielens kann sich der Sohn eines großen Landwirts aus Ludesch nicht erinnern. „Ich war nur zum Schaffa da“, zeigt Fritsche auf, dass er früh am Hof mitarbeiten musste und die Eltern ihn als Arbeitskraft ausbeuteten. Der Bub fühlte sich in seiner Familie als Außenseiter. „Ich war das schwarze Schaf.“ Auch in der Schule fand der Bauernjunge keinen Zuspruch. „Ich war nicht der beste Schüler. Mein Volksschullehrer sagte zu mir: ,Aus dir wird nichts.`“
“Es gibt immer einen Weg”
Fritsche fand Trost in der Natur. „Ich habe mich manchmal von zuhause weggestohlen und bin zum Hängenden Stein gegangen. Dort bin ich herumgekraxelt. Es machte mir Spaß, mich frei bewegen zu können und auszuprobieren, was machbar ist.“ Der Bub wollte wissen, was in ihm steckt. Auch später in seinem Leben war es Fritsche wichtig, sein Potenzial auszuschöpfen. „Ich habe immer versucht zu schauen, was möglich ist als Mensch, sei es beruflich, sportlich oder menschlich.“ Vielleicht brachte er es deshalb auf allen Ebenen weit. Oder weil er sich von frühester Jugend an das Motto auferlegte: „Geht nicht oder aufgeben gibt’s bei mir nicht.“ Und tatsächlich: Das Leben und die Berge lehrten ihn, dass es irgendwie immer einen Weg gibt.
Beruflich ging Fritsche konsequent seinen Weg. Sein Onkel war Tischler. Zu ihm ging er in die Lehre. Dem Onkel fiel sein handwerkliches Geschick auf. Er schickte ihn zu Lehrlingswettbewerben mit dem Ergebnis, dass Fritsche den Landes- und Bundeswettbewerb gewann. Die Arbeit mit Holz bereitete dem jungen Mann so viel Freude, dass er beschloss, sich zum Tischlermeister ausbilden zu lassen. Er schloss die Ausbildung mit Vorzug ab. Mit knapp 30 Jahren machte sich Fritsche, der neben der Tischlerlehre auch noch eine Lehrausbildung zum Kunstglaser absolviert hatte, selbstständig. 31 Jahre lang leitete er erfolgreich sein Tischler-Unternehmen, dann machte er sein Hobby – den Alpinismus und das Höhenbergsteigen – zum Beruf.
“Wenn du athlethisch an den Felswänden unterwegs bist, spürst du intensiv das Jetzt.”
Theo Fritsche, Extrembergsteiger
Mit acht Jahren bestieg der Nüziger erstmals einen Berg, den Hohen Fraßen. Mit 15 bezwang er die Zimba. Mit 17 trat er dem Alpenverein bei. „Wir haben herrliche Klettertouren gemacht, bis zum 8. Schwierigkeitsgrad.“ Nachsatz: „Mit den Kollegen vom Alpenverein bin ich ins extreme Klettern hineingekommen.“ Beim Klettern fühlte sich Fritsche frei. „Es taugte mir unheimlich. Wenn du athletisch an den Felswänden unterwegs bist, spürst du intensiv das Jetzt. Es hat nichts anderes Platz als die Gegenwart.“ Fritsche ging in den Bergen richtig auf und entwickelte sich immer mehr zum Extrembergsteiger. Irgendwann war er soweit, dass er sich an den höchsten Berg der Welt heranwagte, den Mount Everest. Er kündigte seinen Alleingang am Everest im Jahr 2001 nicht an. „Zuhause sagte ich, dass ich nach Tibet wandern gehe. Ich wollte keinen Druck haben.“ Fritsche bestieg den Everest ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff. Den Second Step, eine 28 Meter hohe Felsstufe, kletterte er free solo, das heißt: ohne Seil, ohne Haken. Vor und nach ihm ist das niemandem mehr gelungen.

Eine halbe Stunde hielt sich der Vorarlberger auf dem Gipfel des Mount Everest auf, dem Sehnsuchtsort vieler Alpinisten. „Ich war allein und schaute herum. Es war gewaltig. Ich genoss es total.“ Fritsche fühlte sich Gott jetzt sehr nah. Ihm war klar: „Ohne Beistand einer höheren Kraft wäre ich nicht hier oben.“ Das machte ihn äußerst demütig. Diese Demut nahm er mit ins Tal. Sie begleitet ihn bis heute. „Ich habe mich nie als Held gefühlt.“
“Ich wollte dem Land etwas zurückgeben”
Aber seine herausragende Leistung brachte ihm hohes Ansehen ein. Fritsche, der die Seven Summits meisterte, die höchsten Berge der sieben Kontinente, nutzte seinen Ruhm, um dem Land Nepal zu helfen. „Ich habe so viel Positives erlebt in Nepal. Deshalb wollte ich dem Land etwas zurückgeben.“ Der Alpinist steckte das Geld aus Vorträgen und Honoraren für seine tollen Bilder in Hilfsprojekte in Nepal. In den vergangenen 25 Jahren hat Fritsche dort viel vorwärtsgebracht. Elf Schulen für insgesamt 4000 Schüler wurden gebaut und zwei Spitäler. Derzeit wird gerade eine Geburtsklinik bzw. ein Kinderkrankenhaus errichtet. „Es macht Freude, etwas zu bewegen. Es ist etwas, bei dem ich Energie und Wertschätzung zurückbekomme“, sagt Fritsche, der in seine Hilfsprojekte bisher 1,8 Millionen Euro fließen hat lassen.
Die Berge der Welt bedeuten ihm viel, aber die Menschen in Nepal noch mehr. Sein soziales Engagement brachte ihm auch in Bergsteigerkreisen viel Anerkennung ein. Gerlinde Kaltenbrunner findet es „beachtlich, was Theo in Nepal auf die Beine gestellt hat“. Hans Kammerlander bewundert Theos alpinistische Leistungen: „Aber seinen Einsatz für die Menschen bewundere ich noch viel mehr.“
Hilfe
Derzeit verhungern in Nepal Menschen, weil aufgrund der Coronapandemie die Touristen ausbleiben. Theo Fritsche stellte deshalb eine Lebensmittelpaketeaktion für Familien auf die Beine.
Hier das Spendenkonto für jene, die seine Hilfsprojekte unterstützen möchten: Schul- und Hilfsprojekte Theo Fritsche, Raiffeisenbank Walgau, IBAN AT03 3745 8000 0578 9441