“Die Reisewarnung aus Deutschland entbehrt jeder Grundlage”

Vorarlberg / 02.10.2020 • 05:30 Uhr
Armin Fidler im VN-Interview.
Armin Fidler im VN-Interview.

Armin Fidler (62), Public Health-Experte, Mitglied der Corona-Ampel-Kommission, im VN-Interview.

Schwarzach Bei einer Reisewarnung sei es ähnlich wie bei der Corona-Ampel. Sie bleibe mindestens drei Wochen so wie sie ist, sagt Gesundheitsexperte Armin Fidler. Die Warnung aus Deutschland sei völlig intransparent. Europa habe in dieser Krise zum großen Teil versagt.

Wie beurteilen Sie die Reisewarnungslotterie in Europa?

Schon die Grenzschließungen während des Lockdowns waren meiner Meinung nach ungerechtfertigt. Und genau so sind die Reisebeschränkungen ein Unsinn. Ich stehe da nicht allein mit dieser Meinung, es gibt viele mahnende Worte von namhaften Experten. Aus epidemiologischer und gesundheitlicher Sicht bringen diese Reisebeschränkungen nichts. Entweder handelt es sich um technisches Unverständnis oder um ökonomische Drangsalien. Es ist wie bei den Grenzschließungen damals: Das macht nur bei Ländern Sinn, die eine vollkommen andere Strategie verfolgen oder in denen die Situation außer Rand und Band geraten ist.

Sind Reisewarnungen also grundsätzlich falsch?

Nein. Wie am Beispiel von derzeit Indien: Wenn ich in ein Hochrisikogebiet fahre, weiß ich so, dass die Situation prekär ist und es besser ist, dass ich besser keine touristische Reise unternehme. So etwas wäre eigentlich eine korrekte Reisewarnung. Oder dass man sagt: „Achtung, in deinem Urlaubsland gibt es Malaria, also bereite dich darauf vor.“ Aber dass Leute zwingend in Quarantäne müssen, zwei PCR-Tests absolvieren müssen, dass das per Gesetz eingefordert wird und man damit die gesamte Reisetätigkeit und auch die Wirtschaft lahmlegt, ergibt für mich keinen Sinn. Zumal am Beispiel von Deutschland mindestens zwei Dutzend Ausnahmen verfügt worden sind: Für Pendler, beim Sorgerecht, für Pferdebesitzer, für Jäger, für Diplomaten, und, und, und. Da wird das Ganze komplett absurd.

Wie lange müssen wir mit der Reisewarnung aus Deutschland klarkommen?

Bei der Reisewarnung ist es so ähnlich wie bei der Ampelschaltung. Wenn wir auf Orange schalten, bleibt das Gebiet mindestens für drei Wochen in dieser Farbe. Es soll kein Flackern geben. Die Zahlen müssen mindestens zwei Inkubationszeiten, also zweimal zehn Tage, beobachtet werden. Unter drei Wochen wird es daher wahrscheinlich keine Erleichterungen der Reisewarnungen geben.

Besteht die Reisewarnung aus Deutschland zu Recht?

Auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts steht, dass sie einerseits die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner zur Beurteilung verwenden. Andererseits spielen andere Indikatoren eine Rolle: zum Beispiel der Platz in den Krankenhäusern, die Clusterverfolgung und die Zahl der Tests. Bei alldem ist Vorarlberg gut aufgestellt. Das kann es also nicht sein. Offenbar hat man hier nur die rohen Fallzahlen verwendet, um diese Reisewarnung auszusprechen und wir wissen nicht, wie die anderen Indikatoren gewichtet worden sind. Das ist intransparent und entbehrt jeder technischen Grundlage.

Vermissen Sie ein europaweit einheitliches Vorgehen?

In diesem Kontext bin ich sehr enttäuscht. Das wäre doch genau eine Situation, für die wir eine Europäische Union bräuchten. Ich bin ein glühender Europäer. Aber bei Covid hat Europa meiner Ansicht nach zum großen Teil versagt. Die EU besteht aus den Mitgliedstaaten. Die Kommission kann nur das tun, was ihr vertraglich erlaubt ist. Aber auch vom ECDC hätte ich mir mehr erwartet. Das Institut moniert seit seiner Existenz, dass es sich nur um Infektionskrankheiten kümmern darf und kein Mandat für chronische Erkrankungen hat. Jetzt hätten wir es mit einer Infektionskrankheit zu tun, aber vom ECDC haben wir sehr wenig gehört.

Wird mit Reisewarnungen Politik betrieben?

Ja, das ist nicht ganz auszuschließen. Auch wir haben zum Beispiel für ganz Kroatien eine Reisewarnung verhängt, obwohl nur ein gewisser Teil der Küste betroffen war. Wir haben uns nicht die Mühe gemacht, herauszufinden, woher die Cluster genau kommen. Und dann folgt eben die Retourkutsche.