Was Olivia Martin-Ganahl mit Lady Diana verbunden hat

Die Maori wurden von den vier Winden nach Vorarlberg geweht.
Lochau „Wenn man mich fragt, woher ich komme, antworte ich ‚Nga Houe Wha‘. Das bedeutet in der Sprache Te Reo Maori ‚von den vier Winden‘“. Olivia Martin-Ganahl (53) ist Angehörige der Ureinwohner Neuseelands. Ihr Maori-Name lautet Orewa Materua TeAmaru. Olivia Martin-Ganahl heißt sie, nachdem sie von den vier Winden nach Vorarlberg geweht wurde.
Da sitzt sie nun am Schreibtisch in ihrem Büro, das sie sich in dem gemütlich hergerichteten Haus an Lochaus Pfänderhang eingerichtet hat. Zwischen Lochau und der neuseeländischen Kleinstadt Turangi, wo Olivia 1966 zur Welt kam und wo sie mit einer Schwester und drei Brüdern aufgewachsen ist, liegen rund 18.000 Kilometer Luftlinie.
Auf nach Europa
Die Mutter starb 33-jährig an den Folgen einer Leukämieerkrankung, als Olivia elf war. Der Vater zog die fünf Kinder allein groß. Sprache und Kultur der Maori lernte sie hauptsächlich von ihrer Großmutter. „Unsere Kultur wurde nicht schriftlich überliefert, sondern durch Geschichtenerzählen und Gesang“, erklärt sie.
1991 verließ Olivia Neuseeland. Sie war 25 Jahre alt, ausgebildete Hotelmanagerin und wollte in Europa Erfahrung sammeln. Erstes Ziel war London. Dort lebte einer ihrer Brüder. Einen Monat blieb sie in Großbritanniens Hauptstadt, dann zog sie weiter. Nach Vorarlberg. Im Hotel Arlberg in Lech wurde sie zuerst als Wirtschafterin und ein Jahr später als Hausdame-Gouvernante angestellt. „Deutsch hat mir meine Chefin, Frau Schneider, beigebracht“, erzählt sie. Allerdings war das Erlernen der von Dialekten geprägten Sprache mühsam für die Neuseeländerin. So hat sie bei Bedarf eigene Wörter kreiert. Ein Beispiel: Hotelchef Johann Schneider, damals Lecher Bürgermeister, wurde schlichtweg zum Boogiemeister.
Als Hausdame-Gouvernante betreute sie Lady Diana und deren Kinder. Mit der 1997 verstorbenen Princess of Wales habe sie einen vertrauensvollen Kontakt gepflegt: „Wir haben viele Gespräche geführt.“ Besonderes Interesse habe Lady Diana an der Maori-Kultur gezeigt. „Sie wollte alles darüber wissen.“ Mit den Prinzen William und Harry, die damals noch Kinder waren, „habe ich oft gespielt und gelacht“.
„Lady Diana hat mir bestätigt, dass Lech am schönsten ist, wenn die Nacht zum Tag wird.“
Olivia Martin-Ganahl, Hotelmanagerin
Einmal habe Lady Diana wissen wollen, wo es in Lech schön und ruhig ist, erinnert sich Olivia. „Ich riet ihr durchs Dorf zu spazieren, wenn die Nacht zum Tag wird. Und zum Friedhof soll sie gehen. Dort ist es am stillsten.“ Lady Diana folgte der Empfehlung. „An einem Morgen sprang sie ganz früh aus dem Fenster ihres Zimmers in den Schnee. Um fünf Uhr stand sie vor dem Hoteleingang. Ihr Leibwächter wurde gerufen, der war völlig perplex“, erzählt Olivia und lacht. Lady Diana habe übrigens bestätigt, dass Lech am schönsten ist, wenn die Nacht zum Tag wird.
1996 wechselte Olivia vom Arlberg ins Montafon. Eine Freundin, die in Partenen eine Après-Ski-Bar betrieb, bot ihr einen Job an. Bald eröffnete sie jedoch ein eigenes Lokal: ein Irish Pub in Schruns. Dort begegnete sie Michael Ganahl. Dem Tschaggunser war zu Ohren gekommen, dass dieses neue Pub von einer „Indianerin“ geführt wird. „A hoaße Katz“ soll sie sein, hieß es. Mehrere kühle Begegnungen und ein gemeinsames Abendessen später wurden der Tschaggunser und die „Indianerin“ ein Paar. „Michael konnte mir bieten, was ich brauchte: Liebe, Geborgenheit, ein Zuhause.“
Nach der Heirat im Jahr 2004 baute das Paar in Tschagguns das Ferienhaus Kiwi. „Wir haben uns für diesen Namen entschieden, weil man mich im Montafon Kiwi nennt.“ Nicht nach der Frucht, sondern nach dem sonderbaren Vogel, der nicht fliegt und Neuseelands Nationalsymbol ist.
Nach der Scheidung 2017 mietete sich Olivia bei einer Freundin in Bregenz ein. Im Jahr darauf beschloss sie, „mir Zeit zu nehmen und meine Träume und Ziele weiterzuentwickeln“. Sie zog mit ihrem neuen Partner in dieses Haus am Pfänderhang, hat wieder angefangen zu schreiben und sich auf Maori-Heilmethoden spezialisiert. Unter anderem hilft sie mit „The Spirit of the Maori“ Menschen, sich in ihrer Mitte zu finden und geerdet zu werden.
Schreibpause beendet
2010 gab der Bucher Verlag ihren zweisprachigen Gedichtband „Gespiegelte Gedanken, Mirrored Thoughts“ heraus. Dann folgte eine zehnjährige Schreibpause, die nun beendet ist. Derzeit verfasst Olivia Martin-Ganahl Texte für englische und deutsche Songs und einen Roman über ihre Maori-Familie.
Heimweh nach Neuseeland, Olivia? „Am Anfang, ja. Aber ich fühle mich längst in Vorarlberg zu Hause“, sagt sie. Außerdem fliege sie eh jedes zweite Jahr zu ihrer Familie. „Heuer hatte ich das wieder geplant. Doch dann kam ja Corona.“