Gekommen und geblieben: Vom Plattensee zum Bodensee

Vorarlberg / 15.09.2020 • 14:00 Uhr
Gekommen und geblieben: Vom Plattensee zum Bodensee
Aniko Cseresnyes, Sohn Noah und Hündin Momo, die eigentlich ein Chihuahua sein sollte. HRJ

Aniko Cseresnyes (40) macht jetzt etwas anderes ganz woanders.

LOCHAU Als Aniko Cseresnyes 1980 geboren wurde, war Ungarn noch durch den Eisernen Vorhang von Österreich getrennt. Jetzt, vier Jahrzehnte später, ist Ungarn EU-Mitglied, und Aniko Cseresnyes lebt in Österreich. Mit Partner und Kind bewohnt sie eine Wohnung mit Garten in einer Siedlung in Lochau, nahe am See.

Aniko führt ins Wohnzimmer. „Vorsicht“, warnt sie vor den Klötzchen, die Noah, der neun Monate alte Sohn, auf dem Boden ausgestreut hat. Und Hündin Momo lässt sich zur Begrüßung mit Streicheleinheiten verwöhnen. „Momo sollte eigentlich ein Chihuahua sein“, sagt Aniko. „Zumindest habe ich vor elf Jahren in Ungarn einen reinrassigen Chihuahua-Welpen gekauft.“ Die Hündin stellte sich indes als Mischung aus Dackel, Pinscher und noch ein paar undefinierbaren Rassen heraus. „Macht nichts“, meint Aniko, „wir lieben Momo so wie sie ist.”

Österreich probieren

Die 40-Jährige lässt sich in einen Sessel fallen und beginnt zu schildern, wie sie am Bodensee gelandet ist und beschlossen hat, hier zu ankern. Aniko Cseresnyes wurde in Veszprém, einer Stadt nördlich des Balaton (Plattensee), geboren, aufgewachsen ist sie allerdings mit zwei Schwestern im Badeort Balatonalmádi. Ihren Beruf Friseurin und die Zweitjobs, die sie sich mangels ausreichenden Verdienstes zugelegt hatte, übte sie zehn Jahre aus. Dann entschied sie, etwas anderes ganz woanders zu tun und nahm sich vor: „Ich probiere ein bisschen Österreich.“

Erste Station war das Hotel Donauschlinge in Schlögen, einem Ortsteil von Haibach ob der Donau in Oberösterreich. Dort arbeitete sie zwei Sommersaisonen als Zimmermädchen. Die zwei folgenden Wintersaisonen war sie dann schon als Küchenhilfe im Hotel Tannberg in Schröcken im Bregenzerwald tätig. „Dort habe ich Zsolt Szabo getroffen“, erzählt sie. Der Ungar, mit dem Aniko seitdem zusammenlebt, ist Noahs Vater.

Die nächste Station war nicht weit von Schröcken entfernt: Im Hotel Schiff in Au war sie wieder als Zimmermädchen beschäftigt.

Schließlich landete Aniko Cseresnyes in Bregenz. Zsolt war bereits vor ihr hier gewesen und arbeitete im Hotel Mercure. Aniko wurde 2013 im Hotel Ibis fürs Frühstücksservice eingestellt. „Hier hat es mir am besten gefallen“, bekennt sie. Dazu hat besonders ihre Kollegin Klaudia beigetragen. „Von ihr habe ich richtig gut Deutsch gelernt. Sie hatte viel Geduld mit mir.“  Sich diese Sprache anzueignen, war schwierig für die Ungarin. Schon wegen der unterschiedlichen Dialekte.

2018 folgte sie Zsolt als Servicekraft ins Pizza-Restaurant Isola. Im November 2019 schließlich wurde Noah geboren. „Ich genieße das Muttersein“, schwärmt Aniko. „Das ist der schönste Job der Welt.“ Sie wird ihn noch eine Weile praktizieren, denn im Dezember bringt sie Tochter Zoe zur Welt.

Solange Aniko zur Arbeit ging, ernährte sie sich aus den Küchen der jeweiligen Gastbetriebe. Seit sie Mutter ist, kocht sie mit Freude selber, vor allem köstlich- deftige Speisen aus ihrer ungarischen Heimat. „Heute gibt es allerdings Lasagne von Isola Bella“, sagt sie und lacht. Zsolt hat eine große Portion mitgebracht.

Stinkespätzle

Auf ihrem Vorarlberger Speiseplan stehen ganz oben Kässpätzle. Aniko nennt sie „Stinkespätzle“, weil sie bei ihrer ersten Konfrontation mit diesem Gericht der Geruch der dafür verwendeten Käsesorten angeekelt hat. „Aber dann habe ich probiert und war erstaunt. Wie kann etwas, das so stinkt, so gut schmecken?“

Zu Aniko Cseresnyes‘ bevorzugten Freizeitaktivitäten zählt das Reisen. Ihr Lieblingsort ist die italienische Insel Gilio. Das ist dort, wo 2012 das Kreuzfahrtenschiff „Costa Concordia“ gesunken ist. „Auf Gilio kann ich mich ausruhen,“ erklärt sie. Für heuer sind indes alle Reisepläne – auch zur Familie nach Ungarn – gestrichen. „Wegen Corona. Außerdem bin ich ja schwanger.“ HRJ