“Die ÖGK ist die Businessclass”

Er brauche keine Zusatzversicherung, erklärt ÖGK-Generaldirektor Bernhard Wurzer.
Schwarzach Bernhard Wurzer ist Generaldirektor der neuen Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). Trotz des Managerjobs verzichtet er auf eine medizinische Zusatzversicherung, wie er im VN-Interview betont. Außerdem spricht er über das ÖGK-Budget, niedergelassene Ärzte und den knappen Grippeimpfstoff.
Sind Sie privatversichert?
Wurzer Nein. Ich bin überzeugter Sozialversicherter. Ich brauche keine Zusatzversicherung, weil die ÖGK die Businessclass der Versorgung ist.
In Österreich gibt es über drei Millionen Privatversicherte. Ist das ein Signal für eine Zweiklassenmedizin?
Wurzer Im gesetzlichen Auftrag der Sozialversicherung steht, dass die Krankenbehandlung ausreichend und zweckmäßig sein muss und das Maß des Notwendigen nicht überschreiten darf. Manche meinen deshalb, dass die Kassen die Holzklasse sind. Aber dieser Eindruck darf nicht entstehen.
In welchen Bereichen sollte es bessere Leistungen geben?
Wurzer Das kann man gar nicht so festmachen. Ich erinnere an die Diskussion um die Wartedauer bei MRT- und CT-Untersuchungen. Da haben wir reagiert, weil die Privatmedizin zum Standard geworden ist. Nach diesem Prinzip müssen wir unsere Leistungen durchforsten. Wir haben sicherlich Nachholbedarf bei nicht ärztlichen Gesundheitsberufen, was die Versorgungsmenge betrifft.
Warum ist es so schwierig geworden, niedergelassene Ärzte zu finden?
Wurzer Es liegt nicht am Geld. Viele haben Scheu vor der Selbstständigkeit. Außerdem fördert schon die Aufnahmeprüfung zum Studium, die von Zigtausenden nur eine Handvoll schaffen, das Elitedenken. Da ist eine Landarztpraxis nicht so attraktiv. Und wir wissen, dass Rahmenbedingungen der Region wichtig sind.
Welche Änderungen aus der Coronakrise sollten unbedingt beibehalten werden?
Wurzer Wir Österreicher sind Weltmeister im Erfinden von Bürokratie. Es ist wahnsinnig schwer, sie wieder abzubauen. In der Coronazeit haben wir gesehen, wie schnell man bürokratische Hürden überwinden kann und muss. Der Widerstand gegen Telemedizin zum Beispiel ist voll gebrochen. Und beim papierlosen Rezept sind wir nun in Gesprächen, wie wir das nächstes Jahr beibehalten können.
Was halten Sie vom Wiener Vorstoß einer Impfstraße?
Wurzer Österreicher sind Impfmuffel. Es wäre wichtig, die Grippeimpfung zu forcieren, wobei ich eine Impfpflicht nicht für optimal halte. Ob über eine Impfstraße oder etwas anderes, ist nicht so wichtig.
Hätten wir genügend Grippeimpfstoff in Österreich?
Wurzer Der Impfstoff ist weltweit verknappt. Wien hat 400.000 Impfdosen gekauft, da besprechen wir gerade, wie wir beim Stechen unterstützen können. In Oberösterreich bestellt die Apothekerkammer den Impfstoff, sie hat heuer keinen bekommen. Da sind wir an einer anderen Lösung dran.
Die Bundesregierung möchte der ÖGK mit einem dreistelligen Millionenbetrag unter die Arme greifen. Wie viel brauchen Sie?
Wurzer Wir haben 2020 einen prognostizierten Finanzverlust von rund 450 Millionen Euro. Wir haben vor allem ein Einnahmenproblem, die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen gehen auseinander. Und je höher der Betrag des Bundes ist, desto schneller schaffen wir es, diese Schere wieder zu schließen.
Anfang des Jahres hieß es, dass die ÖGK bis 2024 1,7 Milliarden Euro Verlust einfährt.
Wurzer Diese Zahl muss man mit Vorsicht genießen. Wir müssen gesetzlich eine Fünf-Jahres-Vorschau erstellen, aber wir wissen: 2020 Minus 450 Millionen, 2021 Minus 450 Millionen. Wir können nichts anderes machen, als diese Linie fortzusetzen. Aber eigentlich ist es Kaffeesudleserei. Ich orte Bereitschaft in der Politik, diese langfristigen Prognosen wieder abzustellen.