Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Verschwörungen

Vorarlberg / 17.08.2020 • 12:00 Uhr

Die Dummen werden nicht alle. Sagt ein deutsches Sprichwort. Das kam mir in den Sinn, als ich die Bilder mit den Tausenden Demonstranten in deutschen Großstädten gesehen habe. Sie demonstrieren gegen die Corona-Politik ihrer Regierung. Genau wie die paar Hundert, die in Bregenz oder Wien demonstrieren gegangen sind. Wer sind die eigentlich? In Deutschland sind es grüne Impfgegner, Rechtsextreme, Linksextreme, Althippies, Wutbürger oder Jugendliche, die etwas dagegen haben, dass man ihnen das Feiern verbietet. Bei uns dürfte die Mischung ähnlich sein. Wenige Demonstranten zwar, aber zu viele glauben an die derzeit im Umlauf befindlichen Verschwörungstheorien. Dass Bill Gates das Corona-Virus erfunden habe oder dass es sich über 5G verbreite. Fast ein Drittel der Österreicher ist offenbar für solche Verschwörungstheorien offen, hat das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelt (1000 Befragte). Sie glauben, dass es bei den Maßnahmen gegen Corona um etwas ganz anderes geht als das, was Politik und Medien sagen. Da ist offenbar noch viel Aufklärungsarbeit nötig.

„Die führenden Experten sind sich einig. Es wird einen Impfstoff geben. Fragt sich nur, wann.“

Nun sind Demonstrationen in einem Rechtsstaat legitim. Ein Problem wird es, wenn sich Demonstranten nicht an Regeln und Gesetze halten. Keine Masken, kein Abstand. Und es ist auch bei uns eine kleine Minderheit, die das macht. Aber: Ein einzelner infizierter Demonstrant kann viele anstecken. Es gebe so etwas wie ein Grundrecht auf Unvernunft, hat die „ZEIT“ formuliert: „Aber nur, wenn diese Unvernunft nicht ansteckend ist.“ Die Rechtsordnung lebe von Einsicht und freiwilliger Befolgung. Aber sie lebe auch davon, dass die Gesetze durchgesetzt werden.

Einsicht und freiwillige Befolgung bei der sich abzeichnenden Diskussion um die Corona-Impfpflicht? Die führenden Experten sind sich einig. Es wird einen Impfstoff geben. Fragt sich nur, wann. In Italien gibt es die Diskussion jetzt schon massiv. Österreichs Politik ist derzeit überwiegend gegen die Verpflichtung. Auch der Bundeskanzler, dem man ja nachsagt, sich viel um des Volkes Meinung zu scheren.

Aber die Bevölkerung denkt anders. Laut einer vom „Profil“ beauftragten Umfrage sprachen sich 55 Prozent der Österreicher für eine verpflichtende Corona-Impfung aus. Denn durch das Impfen wird nicht nur der Einzelne, sondern auch die Gesellschaft geschützt. Durch flächendeckende Impfungen ist zum Beispiel weltweit eine Pocken-Erkrankung kaum mehr möglich. Haben wir vergessen, dass die früher weitverbreiteten Masern schon fast ausgerottet waren, aber seit 15 Jahren wieder im Ansteigen sind, weil militante Impfgegner ihre Kinder nicht mehr impfen lassen?

Impfpflicht?

Jedenfalls spricht sich die Ärztekammer schon jetzt für eine Corona-Impfpflicht aus und auch einzelne Landeshauptleute wie Stelzer (ÖVP) und Doskozil (SPÖ). Knapp die Hälfte der Bevölkerung will sich freiwillig impfen lassen, hat die Uni Wien ermittelt, aber über ein Drittel kann sich das eher nicht vorstellen. Aber wie war das bei der Grippe? Vor Corona haben sich geschätzte zehn Prozent impfen lassen. Jetzt gibt es eine deutlich erhöhte Akzeptanz, denn Corona und Grippe, das ist ein noch höheres Risiko. Vielleicht setzt sich Einsicht auch bei der Corona-Impfung durch. Wenn nicht, sollten wir uns die Verpflichtung ernsthaft überlegen.

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.