Stadt und Land
Erinnern Sie sich noch an den alten 100-Schilling-Schein? Auf der Vorderseite war die Malerin Angelika Kauffmann dargestellt, die man mit etwas gutem Willen mit Vorarlberg in Verbindung bringen konnte, auf der Rückseite ein Bregenzerwälder Bauernhaus.
Während auf den Euro-Scheinen für solche nationalen Motive offenbar kein Platz mehr vorhanden ist, gibt es sie noch auf den Euro-Münzen. Auf der Rückseite der österreichischen 2-Euro-Münze ist die Friedensnobelpreisträgerin und Schriftstellerin Bertha von Suttner abgebildet, auf der 1-Euro-Münze Wolfgang Amadeus Mozart. Auf den Cent-Münzen sind insgesamt drei Gebäude zu sehen, die – wenig überraschend – allesamt in Wien stehen (Secession, Belvedere und Stephansdom). Die kleinen Cent-Münzen sind dem Rest gewidmet: Alpenprimel, Edelweiß und Enzian stehen für die Schönheit der Alpenwelt.
„Die kleinen Cent-Münzen sind dem Rest gewidmet: Alpenprimel, Edelweiß und Enzian stehen für die Schönheit der Alpenwelt.“
So einfach ist das Österreich-Klischee: Ein bisschen Kultur, Wien und schöne Pflanzen, die den Rest symbolisieren, allgemein als „das Land“ bezeichnet. „Das Land“, das ist ganz Österreich mit Ausnahme von Wien. Die Stadt ist geschichtsträchtig und steht für Weltoffenheit, das Land ist – im besten Fall – schön.
Angesichts dieser vielleicht sogar gut gemeinten grobschlächtigen Symbolik war der Schilling-Hunderter noch eine fantasievolle Referenz gegenüber dem „Land“: Auf der Vorderseite eine Künstlerin, deren Schaffen überhaupt nichts Ländliches anhaftete, auf der Rückseite das Bregenzerwälder Bauernhaus, im weitesten Sinn Vorläufer der damals noch in den Anfängen steckenden modernen Vorarlberger Baukultur.
In der Realität verschwimmt der Unterschied zwischen Stadt und Land heute immer mehr. „Das Land“ bedeutet gerade nicht mehr nur schöne Landschaft, sondern im positiven Sinne auch Innovation und moderne Architektur. Das kann jeder feststellen, der mit offenen Augen durch das Inntal oder Rheintal fährt. Die Unterschiede verblassen aber nicht nur in äußerlicher Hinsicht. Provinzialismus, verstanden als kleingeistige Rückständigkeit, ist beispielsweise kein Monopol des Landes, sondern in der Stadt mindestens so häufig zu finden. Oder, positiv formuliert, mit der Weltoffenheit der Großstadt können Alpendörfer bestens mithalten.
Man sollte also Klischees abbauen, statt sie in Metall zu gießen.
Peter Bußjäger ist Direktor des Instituts für Föderalismus und Universitätsprofessor in Innsbruck.
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