Sommerserie: Schicksal 4
Hannah, die betrogene Ehefrau, wartet mit Herrn und Frau Hoffmann im Wohnzimmer auf Kitti, die als Ehebrecherin angeklagt ist.
Frau Hoffmann hörte die Geräusche ihres Mannes. Das Abstreifen der Schuhe. Seine Schritte Richtung Küche. Er musste essen, bevor er zu reden anfing. Eine Schüssel mit gemischtem Salat, Eierspeise, drei Gläser Wasser trinken.
„Im Hause Hoffmann redete nur Hannah, dazwischen weinte sie und fuhr sich mit dem Jackenärmel über die Augen.“
Frau Hoffmann wollte sich vor der Verhandlung im Wohnzimmer noch umziehen. Frische Blumen in eine Vase stellen. Alles perfekt. Nur Kitti war nicht da. Die Hauptangeklagte. Das änderte die Strategie von Herrn Hoffmann. Er hatte sich eine Rede zurechtgelegt, mahnende Worte an seine Tochter, beruhigende für Hannah, die betrogene Frau. Er hoffte, seine Frau würde sich zurückhalten.
Kitti indes war in den Bus gestiegen, nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihren Liebhaber anzurufen, er meldete sich weder zu Hause noch im Fitness-Studio. Sie stieg bei der Haltestelle knapp vor Benitos Wohnhaus aus, schaute in die Garage, der weiße Mercedes stand da. Er glänzte mehr als ihre Haare. Kitti ging durch die Garage ins Wohnhaus, durch die Küche, von oben hörte sie das Lachen der Mädchen. Nur einmal war sie in diesem Haus gewesen und hatte Sex mit Benito gehabt, in Abwesenheit seiner Frau, im Ehebett der beiden. Sie hatte das nicht richtig gefunden, aber weil sonst keine geeigneten Räumlichkeiten bereit standen, schliefen sie miteinander, da war Ehebett grad auch egal.
Kitti überlegte, ging treppauf und öffnete leise die Kinderzimmertür. Benito lag mit seinen Mädchen im Bett, eine kitzelte ihn an den Fußsohlen, die andere unter den Armen. Kitti stand da, bis sie die kleinere der Mädchen sah und sagte: „Papa, da steht ein Mädchen.“
Benito sagte: „Warte draußen, ich bin gleich bei dir.“
„Ich muss ihr die Sterne zeigen“, sagte er zu seinen Kindern, „sie kennt sich nicht aus am Himmel und muss es für die Schule wissen.“
Im Hause Hoffmann redete nur Hannah, dazwischen weinte sie und fuhr sich mit dem Jackenärmel über die Augen. Sie sagte, sie werde jetzt ihre Gymnastik machen, die beiden sollten sich über Kitti einig werden. Sie habe damit nichts mehr zu tun, sie komme nicht an ihre Tochter heran und wolle sich nicht weiter von ihr niedermachen lassen. Als Hannah einfügte: „Ja, aber, sie sind schließlich die Mutter!“, gab Frau Hoffmann nur ein Geräusch von sich, das klang wie: „Phph!“
„In sechs Wochen wird Kitti volljährig“, sagte Herr Hoffmann, „da können wir sowieso nichts mehr machen.“
„Ist es denn nicht eine Sache der Moral?“, fragte Hannah. „Ist das alles, was Sie als Vater sagen? Ihre Tochter hat ein Verhältnis mit meinem Mann!“
„Im Fall ihres Mannes handelt es sich wohl um Doppelmoral“, sagte Herr Hoffmann. Er wusste, er wirkte kalt. Er war es nicht. Aber er konnte aus sich keinen anderen Menschen machen.
Da weinte Hannah und griff nach seiner Hand: „Helfen Sie mir!”
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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