Sommerserie: Schicksal 3
Hannah wusste, dass ihr Mann eine Geliebte hatte, noch nicht achtzehn. Sie nahm sich vor, mit Kittis Eltern, dem Ehepaar Hoffmann, zu sprechen.
Kitti lag im Bett, die Augen verweint. Im Zimmer war Unordnung, kein Fleck auf dem Boden, wo nicht Dinge verstreut waren, Slips, Chips, zerknülltes Papier, Lippenstifthüllen, Kulis, gebrauchte Tampons. Ihre Mutter, Frau Hoffmann, hatte seit zwei Jahren wiederholt gemahnt, sie müsse aufräumen oder ausziehen, so gehe das nicht weiter. Sie stand am Herd und wurde hoffnungslos vor Zorn, weil sie wusste, Kitti hörte nicht mehr auf sie. Auf ihren Vater manchmal, wenn sie etwas brauchte, sie wusste, von ihm bekommt sie alles, sie war und ist noch immer sein Augapfel. Das Wort „folgsam“ war einmal gewesen. Frau Hoffmann schaltete die Herdplatte aus und klopfte an Kittis Zimmer. Sie war das liebste Kind gewesen. Das Zimmer war abgeschlossen. Sie trommelte an der Tür, bis ihr die Knöchel wehtaten.
„Sie hörte nicht, wie Kitti das Haus verließ, so sehr war sie in Rage.“
Kitti rührte sich nicht. Sie saß aufrecht im Bett und sagte vor sich hin: Ich mach nicht auf, ich mach nicht auf.
Längst hatte die Mutter es aufgegeben, Kitti für die Schule zu wecken. Hörte sie dann Kitti die Treppen hinuntertappen, leise wie die gefleckte Katze, geschminkt wie für einen Auftritt, falsche Wimpern, gepudertes Gesicht, wartete die Mutter, bis die Tür ins Schloss fiel. Sie schaute aus dem Badezimmerfenster und sah Kitti auf ihren hohen Schuhen stöckeln. In Kittis Zimmer dann riss sie die Balkontür auf, warf das Bettzeug über das Geländer. In einen leeren Müllsack steckte sie alles, was auf dem Boden herumlag. Verkrustete Pizza samt dem Teller, den sie eigentlich liebte, alles aus den Augen. Aus dem Sinn ging das nicht. Sie fluchte vor sich hin. Wie verrückt drückte sie auf den Desinfektionsspray und sprühte so lange, bis die Flasche leer war. Sie fand Kittis Handy, ihr Heiligtum, und warf es im hohen Bogen in die Wiese. Sie wusste, das würde ihr weh tun. Sie schrieb einen Zettel, darauf mit großen Buchstaben: „Hilfe, Ungeziefer“, warf ihn auf das Leintuch mit den Blutflecken und knallte die Tür zu.
Frau Hoffmann sah an diesem Montag auf die Küchenuhr und dachte, in vier Stunden wird mein Mann da sein, dann wird diese Hannah auftauchen. Sie hörte nicht, wie Kitti das Haus verließ, so sehr war sie in Rage. Dabei hatte sie ihrem Mann versprochen, aufzupassen, dass Kitti nicht weglief. Schließlich war sie bei dem Gespräch, das im Wohnzimmer stattfinden würde, die Angeklagte.
Frau Hoffmann putzte die Pfanne und mittendrin hielt sie inne, rannte aus dem Haus, suchte Kittis Handy im Gras, nahm es mit. Aus dem Wäscheschrank holte sie frische Bettwäsche und legte sie, nachdem sie das blutige Leintuch abgezogen hatte, auf das Bett. Das Handy daneben. Immer wollte sie die beste Mutter gewesen sein.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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