Warum Lustenau zu einem Fünftel Schweizern gehört

Historische Umstände wollten es so. Schweizer Riede sind die Naturjuwele der Marktgemeinde.
Lustenau Unter das “Lebe” oder “Hoi” mischt sich an der südlichen und nördlichen Peripherie der Gemeinde seit Jahrhunderten ein munteres “Grüezi”. Dort wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, wo der geheimnisumwitterte Wachtelkönig, Kiebitze, Störche, Graureiher, Rehe, Fasane, Stieglitze und Krähen ein wahres Paradies vorfinden – dort ist Schweiz. 4,58 km2 der insgesamt 22,25 km2 großen Gemeindeflächen gehören den Ortsgemeinden Au, Widnau und Schmitter.
Ein Kuriosum
“Schweizer Flächenbesitz in diesem Ausmaß auf unserem Staatsgebiet wird natürlich als Kuriosum betrachtet. Aber das hat historische Ursachen”, weiß Historiker Dr. Wolfgang Scheffknecht (61). Die Entwicklung bis hin zur heutigen Situation ist sehr komplex. Dies hat vor allem mit den sich vermischenden Herrschaftsverhältnissen zu tun. So entstand am Ende des 9. Jahrhunderts der Königshof Lustenau, zu dem Gebiete beidseits des Rheins mit den Flächen von Au und Widnau gehörten. Später überschnitten sich die Landesinteressen der Reichsritter und nachmaligen Grafen von Hohenems mit der expandierenden Schweizer Eidgenossenschaft. Staatsgebiete in heutiger Form gab es noch lange nicht, der Rhein bildete keine Grenze. Das Territorium bestand aus zahlreichen Höfen. Jeder Hof hatte Anteil an der sogenannten Allmende, ein Gemeindeland, das von allen Mitgliedern der Gemeinde als gemeinsames Weideland genutzt werden durfte.
“Schweizer Grundbesitz in dieser Form auf unserem Staatsgebiet ist kurios.”
Wolfgang Scheffknecht, Historiker
Die Ortsgemeinden
1593 erfolgte im Zuge der sich allmählich herausbildenden politischen Grenze des Rheins die Hofteilung. Die vorher zusammengehörenden Gemeinden Lustenau, Au und Widnau trennten sich in zwei Höfe. Allein die Allmende, die östlich des Rheins lag, ließ sich nicht einfach geografisch umlegen. Daher behielten die Schweizer auch auf dem späteren österreichischen Staatsgebiet ihre Nutzungs – und Besitzrechte, die sie bis heute als genossenschaftlich organisierte Ortsgemeinden gemeinsam wahrnehmen. Die Ortsgemeinde Au besitzt das Riedgebiet im Norden der Gemeinde, die Ortsgemeinden Widnau und Schmitter große Flächen im Süden Lustenaus. “Es ist dies eine im Land einmalige Konstellation, die aber zum Nutzen aller Beteiligten heute gut funktioniert. Das war im Verlauf der langen Geschichte nicht immer so”, betont Scheffknecht.
Großes Lob für die Nachbarn
Das bestätigt auch Rudi Alge (59), Leiter der Umweltabteilung der Gemeinde. “Aus ökologischer Sicht ist die Nutzung dieser Flächen durch Schweizer Landwirte ein Segen. Sie tragen in vorbildlicher Partnerschaft dazu bei, dass Lustenau über einzigartige Großraumbiotope verfügt. So haben sie zum Beispiel mehrere Gebiete aus der intensiven Landwirtschaft in eine extensive Bewirtschaftung überführt”, freut sich der Landschaftsökologe.
“Aus ökologischer Sicht ist die Schweizer Nutzung dieser Gebiete ein Segen.”
Rudi Alge, Leiter Umweltabteilung Lustenau
Gerne erwähnt Alge die Tatsache, dass Lustenau acht Prozent seiner Gesamtfläche noch als reine Biotope ausweisen kann. “Das ist im dicht besiedelten Rheintal fast ein Wunder.” Allein der Brutbestand von Bekassinen, Großer Brachvögel und Kiebitze entspricht dem der gesamten Schweiz. Die eidgenössischen Grundeigentümer würden beim Mähen und beim Gelegeschutz sehr rücksichtsvoll umgehen, lobt der Umweltexperte.
Freilich betreiben sie auch Landwirtschaft, wobei unter anderem Mais, Rapps und Karotten angebaut wird.