Eigenes Hirn
Frau Ammann ist eifrige Zeitungsleserin, von Qualitätspresse bis Boulevard. Manches stößt ihr dabei auf und manches inspiriert sie bis zum Enthusiasmus. In den letzten Wochen, als Brüssel zur großen Bühne der EU-Akteure wurde, die angehalten waren eine Art Offenbarungseid zur Europäischen Solidarität zu leisten, sah sie schnell, was Sache ist.
Kaputte Systeme
Wie ist das „Spiel“ unserer Protagonisten im Ausland angekommen? Eine sehr bezeichnende Conclusio stach ihr da ins Auge: „Eine Karriere auf Kosten Europas“- resümierte „Die Zeit“ über den Verhandlungsstil unseres Kanzlers. Die Redakteure dieser liberalen Wochenzeitung, die Debattenkultur traditionsgemäß sehr hochhält, sind nicht für reißerische Analysen bekannt, sondern für ausgewogene Berichterstattung. Der Kurz- Sager von den kaputten Systemen im Süden war keine diplomatische Meisterleistung, wurde allseits konstatiert, zumal er die demokratiepolitisch viel relevanteren Verwerfungen in Polen und Ungarn geflissentlich übersieht und damit wieder seine Affinität zu illiberalen Optionen bestätigt. Die Art und Weise, wie einige aus der neuen Politikergeneration agieren, ähnelt zusehends Haiders Buberlpartie und zeugt nicht von historischer Sensibilität, sondern eher von ungeniertem Machtkalkül und Karrierebewusstsein. Und „diese Sprache ist gefährlich“ erlaubt sich „Die Zeit“ festzustellen.
„Der Kurz- Sager von den kaputten Systemen im Süden war keine diplomatische Meisterleistung.“
Der glühende Europäer Alois Mock wird sich wohl im Grabe umdrehen, und Frau Ammann hatte sich während des Verhandlungsmarathons oft auf den Schreibtisch von Othmar Karas gebeamt, um den Leidenden zu trösten. Aber „das neue politische Denken stellt den privaten Zweck eben über jeden gesellschaftlichen“, schreibt Armin Thurnher in seinem „Falter“-Kommentar. Dass der Kanzler mit seinen Argumenten vor allem die blaue Klientel, der er seine Macht verdankt, und damit den Wiener Wahlkampf fütterte, war zu offensichtlich und hat viele Europäer verärgert.
Knieschuss
Italiener und Spanier reagieren sehr emotional, wenn sie in desavouierender Weise angegriffen werden, das könnte tatsächlich zu einem Knieschuss für Österreich werden, wenn sich die Wirtschaften im Süden wieder erholen und unser Export ins Stocken gerät.
Die von Umfragewerten befeuerte Hybris könnte für Kurz eines Tages zum Boomerang werden, wenn er sich weiterhin im Ton vergreift, wie jüngst, als eine TV Journalistin den kritischen „Zeit“-Artikel zitierte. „Sie haben ja ein eigenes Hirn“, kam´s patzig zurück. Da hat Frau Ammann leicht gezuckt. Ein besonnener Staatsmann klingt anders.
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.
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