Camper-Ehepaar kehrt der “kalten Welt” den Rücken

Vorarlberg / 22.07.2020 • 15:00 Uhr
Camper-Ehepaar kehrt der "kalten Welt" den Rücken
Erna und Jimmy vor ihrem Domizil auf dem Campingplatz Weiss in Bregenz. ROLAND PAULITSCH

Erna und Jimmy sind auf dem Campingplatz Dauergäste. Hier haben sie gute Freunde gewonnen.

Bregenz Erna (75) und Jimmy (76) haben soeben unter dem Vordach ihres Wohnwagens ausgiebig gefrühstückt. Nun dreht das Paar seine tägliche Runde durch den Campingplatz. „Servus Heidi“, grüßen sie im Vorbeigehen eine Camperin, die gerade einen Grillrost reinigt. Heidi hält inne und fragt Erna: „Gehst du heute Vormittag schwimmen?“ Als diese nickt, sagt Heidi:  “Ich gehe mit. Komm mich bitte um 11 Uhr abholen.“ Erna freut sich sichtlich. „Dann bis später Heidi“, sagt sie und lächelt über das ganze Gesicht.

Das Paar spaziert weiter. Mehrere Camper, an denen sie vorbeigehen, winken den beiden zu. Einer fragt sie, ob sie heute Abend auf ein Bier vorbeikommen wollen. „Gerne, Helmut“, sagt Jimmy gleich zu. Dass man sie hier kennt, schätzen Erna und Jimmy. Sie finden, dass die Welt kalt und unpersönlich geworden ist. Hier, auf dem Campingplatz, sei sie aber noch anders. „Das Campingvölkchen ist wie eine große Familie. Es ist eine schöne Gemeinschaft. Wir haben viele gute Freunde unter den Campern gewonnen“, nennt der pensionierte Fliesenleger und Ofenbauer einen der Gründe, warum er und seine Lebensgefährtin so gerne hier sind. Erna nickt und ergänzt: „Freunde sind das Um und Auf. Zu Hause in Imst haben wir die nicht. Dort haben wir nicht einmal Kontakt zu den Nachbarn.“  

Florida mit Wohnmobil bereist

Sobald der Frühling anbricht, packt das Pärchen aus Tirol seine Sachen und fährt nach Bregenz. Ein Dauerstellplatz beim Camping Weiss garantiert ihnen für das ganze Jahr eine Bleibe. „Wir bleiben meistens von Mai bis Oktober. Wenn es kalt wird, fahren wir nach Hause. Das tun wir auch an Wochenenden mit Regenwetter. Wir haben es ja nicht weit.“ In Imst wohnen die beiden in einem großen und komfortablen Haus, in Bregenz hingegen leben sie auf zirka 40 Quadratmetern.  Weil beide unkompliziert sind, stört es sie nicht, dass sie sich die Sanitäranlagen mit anderen Campern teilen und das Wasser vom Brunnen holen müssen. Seit der Coronapandemie schätzen sie das einfache Leben unter freiem Himmel noch mehr. „Daheim sind wir nur im Haus gesessen. Da haben wir uns richtig eingesperrt gefühlt“, ist Erna froh, dass sie und ihr Partner wieder campen können.

Ihre Liebe zum Kampieren ist schon alt. Sie entstand bei einem Urlaub in Amerika Anfang der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. „Damals haben wir uns ein Wohnmobil ausgeliehen und sind kreuz und quer durch Florida gefahren. Dabei haben wir viele Menschen kennengelernt. Das hat uns so gefallen, dass wir uns nach dem Urlaub ein Wohnmobil angeschafft haben“, erzählt der 76-jährige Tiroler. Dass Jimmy auf dem Campingplatz Weiss vor 17 Jahren „sesshaft“ wurde, verdankt er einem Kollegen. „Er hatte hier einen Wohnwagen. Ich habe ihm den Boden im Vorzelt gelegt. Bei einer abendlichen Feier lernte ich Josef, den Campingplatzbesitzer, kennen. Er bot mir einen Platz an.“

“Ich weiß jetzt, wie schnell es vorbei sein kann. Darum genieße ich jeden Tag, den ich mit Erna hier sein kann.”

Jimmy, Dauercamper

Jimmy und Erna sind wieder zurück von ihrer Camping-Runde. Die 75-Jährige packt ihre Badesachen zusammen. Jimmy geht nicht mit zum Schwimmen. „Ich meide den See“, sagt er. Das hat einen guten Grund. Als 20-Jähriger wäre der Nichtschwimmer im Strandbad Bregenz beinahe ertrunken. „Ich hatte mit dem Leben schon abgeschlossen.“ In letzter Sekunde wurde er gerettet. Seither weiß er: „Ertrinken ist kein schöner Tod. Du kämpfst lange.“

Viele Jahre später sprang Jimmy dem Tod abermals von der Schaufel. Bei einem Arbeitsunfall durchtrennte ihm eine große Fliese den Arm bis auf den Knochen. „Die Hauptschlagader war auch durchtrennt. Zwei Kollegen banden mir den Arm ab.“  Auch heuer im Februar entrann er dem Tod nur knapp. Nach einer Operation erlitt er drei Schlaganfälle. All das brachte ihn zum Nachdenken. „Ich weiß jetzt, wie schnell es vorbei sein kann. Darum genieße ich jeden Tag, den ich mit Erna hier sein kann,“ sagt er und gibt seinem wichtigsten Lebensmenschen zum Abschied einen dicken Kuss.