Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Sommerserie: Schicksal 1

Vorarlberg / 21.07.2020 • 09:30 Uhr

Die Geschichte spielt in einer Kleinstadt, umgeben von Wiesen und Feldern, auf denen Blumen wachsen, die Kinder im Naturkundeunterreicht zu bestimmen lernen. Da sind die rote Kuckucksnelke, die Schwertlilie, der Hahnenfuß …
Sie war eine Frau von dreißig Jahren, normalerweise sehr gepflegt, gut frisiert, fein angezogen, nur gute Stoffe. An diesem Tag aber, einem verregneten Montag, hatte sie das Schicksal hart getroffen. Sie kämmte sich nicht, sie wusch sich nicht, zog sich den erstbesten Pullover an, eine alte Jeans, Turnschuhe. Sie hatte ihre beiden Mädchen vom Spielen weggeholt. Die Kleine nahm sie auf den Arm, die Große zog sie hinter sich her.
„Wohin gehen wir, Mama?“, fragten die Mädchen. „Wir sind gar nicht richtig angezogen, ich habe noch die Patschen, warum rennst du so, Mama?“

„Sie rieb sich die nassen Hände an ihrem Shirt ab, gab der Fremden aber nicht die Hand.“

Sie setzte die Kinder auf die Rückbank ins Auto, sie ermahnte sie, ruhig zu sein, sie müsse noch einmal zurück ins Haus. Hatte sie den Herd abgedreht, die Haustür verschlossen, die Tasche vergessen …
„Mama, wohin fahren wir?“, fragten die Mädchen wieder und zogen ihre Mutter an den Haaren.
Sie bremste abrupt, drehte sich zu den Mädchen um und schrie sie an, was sie nicht gewohnt waren, die schreiende Mama war ihnen fremd.
„So und jetzt ist Ruhe, sonst passiert etwas!“
Die Mädchen erschraken, die Mutter fuhr viel zu schnell, eine Hand auf dem Lenkrad, in der anderen hielt sie den Zettel mit der Adresse. Sie hätte die Adresse zur Wegbeschreibung ins Navi eingeben und sich an die Angaben halten können. Sie zitterte.
Einmal kehrte sie mitten auf der Straße um, weil sie die falsche Ausfahrt genommen hatte. Endlich stand sie vor dem Haus. Sie schwitzte vor Aufregung, schärfte den Mädchen ein, ruhig zu sein, gleich käme sie wieder zurück, dann würden sie in die Bäckerei fahren. Sie verriegelte das Auto. Die Kinder waren sprachlos.
Sie stand auf dem fremden Fußabstreifer, warf ihre Haare herum, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie klingelte.
Eine Frau in mittleren Jahren, sportlich, schmales Gesicht, schmale Hüften, barfuß, öffnete. Sie rieb sich die nassen Hände an ihrem Shirt ab, gab der Fremden aber nicht die Hand.
„Ja, bitte?“
„Sie sind Frau Hoffmann?“, fragte die Frau. „Entschuldigen Sie, ich habe meine Mädchen im Auto, nur ganz kurz muss ich Sie sprechen, mein Leben fällt auseinander.“
„Was heißt das? Worum handelt es sich?“ Frau Hoffmann hatte immer noch die Klinke in der Hand. Die Fremde ließ sie nicht eintreten.
„Haben Sie eine Tochter, die Kitti heißt?“
„Ja, was ist mit ihr?“
„Ihre Tochter“, sagte die Frau hat ein Verhältnis mit meinem Mann. Wir haben zwei kleine Mädchen. Ich will das nicht!“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.