Coronavirus: Schweiz ist alarmiert

Trendumkehr in der Nachbarschaft: Eidgenossen führen Maskenpflicht ein. Mehr Fälle auch in Tirol.
Schwarzach Aus der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck hieß es Mitte Juni, aktuell sei man coronafrei. Doch das ist Geschichte: In den sieben Tagen bis gestern sind laut Gesundheitsministerium sieben bestätigte Neuinfektionen dazugekommen. Ganz Tirol verzeichnete einen Zuwachs von zwölf. Das ist nicht viel, viel mehr aber als im Vergleichszeitraum des Vormonats; da hatte sich nur um zwei gehandelt.
Die Ruhe nach dem Sturm ist vorbei. Wohin man schaut. Nur vereinzelt gibt es Ausnahmen: In Vorarlberg wurden zuletzt konstant wenige, in Liechtenstein gar keine Fälle verzeichnet. Die beiden Länder bilden damit zusammen mit dem deutschen Oberallgäu eine Art Insel. Was jedoch nichts heißt, wie das Beispiel Lindau zeigt: Buchstäblich aus dem Nichts sind dort gerade drei Infektionen aufgetaucht.
In den sieben Tagen bis gestern wurden in Vorarlberg und den angrenzenden Landkreisen und Kantonen sowie in Tirol und Liechtenstein insgesamt 53 neue Fälle registriert. Vor einem Monat waren es gerade einmal zwölf gewesen.
Der eidgenössische Bundesrat Alain Berset sprach gestern von einer „Trendumkehrung“. Über Wochen hinweg hatte die Schweiz kaum Infektionen verzeichnet, dann wurden es wieder mehr und mehr. Allein gestern kamen 137 dazu.
Im Kanton St. Gallen handelte es sich in den vergangenen sieben Tagen um 29. Vor einem Monat waren es „null“. Aufgetaucht sind die neuen Fälle unter anderem in einer Kindertagesstätte und einer Primarschule.
Die Schweizer Regierung schritt gestern ein: „Wir brauchen eine neue Balance“, wurde Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga zitiert. Ab Montag wird es im ganzen Land eine Maskenpflicht in Öffis geben – in Zügen und Straßenbahnen genauso, wie in Bussen, auf Schiffen und in Gondeln. Betroffen von der Pflicht sind alle Fahrgäste ab Zwölf.
Auch in Österreich hat sich das Infektionsgeschehen beschleunigt. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) versucht dennoch zu beruhigen: Auf Bundesebene sei die Lage „stabil“. Insgesamt stieg die Zahl bestätigter Infektionen gestern um 107 und damit so stark wie seit zweieinhalb Monaten nicht mehr. Es handelt sich jedoch um „Cluster“, zusammenhängende Fälle also. Die meisten tauchten in Oberösterreich auf.
Die Hoffnung, dass es bei solchen Clustern durch Überprüfung aller Kontakte gelingt, die Sache wieder unter Kontrolle zu bringen, ist groß und berechtigt, wie der Gesundheitsexperte Martin Sprenger bestätigt, aber auch erste Beispiele zeigen: Beim Salzburger Cluster, das sich nach einem Rotarier-Treffen vor zwei Wochen gebildet hatte, war man erfolgreich.
Wie schnell sich die Verhältnisse aber wieder ändern können, zeigt ein Blick auf die Nachbarstaaten: Auch in Slowenien, der Slowakei und Tschechien werden wieder mehr Infektionen verzeichnet. In Italien entspannt sich die Lage dagegen weiter. Gemessen an der Bevölkerung ist der Zuwachs bestätigter Infektionen dort nicht mehr viel größer, sondern kleiner als etwa in Österreich. Landesweit ist die Zahl der Spitalspatienten auf rund 1000 und die der Intensivpatienten auf weniger als 100 gesunken. Das Personal kann durchatmen.