Unterschrift üben
Endlich war es soweit, und der Termin für die Hochzeit stand fest. Die Braut war mit ihren Vorbereitungen beinahe fertig, das Kleid duftete, die Hochzeitsgäste waren eingeladen. Jetzt saß Beate an ihrem Mädchenschreibtisch in ihrem Mädchenzimmer und übte ihre Unterschrift. Beate Bergmann. B.B. wie Brigitte Bardot. Die einst so umwerfende Brigitte Bardot war mittlerweile eine alte Frau, setzte sich für Robben ein und tendierte politisch nach rechts. Alles war gewesen.
Brigitte Bergmann, geborene Schiffer, versuchte ein elegantes B auf ihrem Papier. Schreibschrift, keine Blockschrift.
Man erwartete siebzig Gäste.
„Siebzig Gäste!“, schrie ihre Mutter vor Aufregung. „Ist das nicht übertrieben? Da verliert man die Übersicht. Da kann es sein, dass einige sich gar nicht kennen.“
„Heiratet man denn nicht nur einmal? Karl und Brigitte wollten sich ewige Treue schwören.“
B.B. saß über ihr Papier gebeugt und versuchte zum x-ten Mal eine neue Variante – sollte sie leicht schräg, gerade oder ziemlich schräg? Dabei überkam sie eine Hitze. Ihr schlechtes Gewissen pochte, und mit Schrecken sah sie ihren Kontostand vor sich, die Überziehung, wie es so harmlos heißt. Sie hatte sich unglaublich verausgabt, von allem das Beste bestellt. Die Gäste sollten sich wundern und der Meinung sein, noch nie so einer großen Hochzeit beigewohnt zu haben. Ihr Bräutigam, Karl Bergmann, wusste von alledem nichts. Er kam aus bescheidenen Verhältnissen, bescheiden deshalb, weil unnützes Geldausgeben nie vorgesehen war. Er dachte sich, schön, dass meine zukünftige Frau Brigitte sich viel mehr leisten kann als wir. Hätte er ihren Kontostand gewusst, wäre er verzweifelt. Wie sollte der je abgedeckt werden? Brigitte war, was nur sie beide wusste, im dritten Monat schwanger und wollte nie mehr arbeiten, nur für ihn, Karl, und das Kind da sein, wollte sie.
Also. Sie hatte sich entschieden: Schrift leicht schräg, opulentes B, die Kleinbuchstaben normal.
Die Mutter rief aus der Küche: „Eine sechsstöckige Hochzeitstorte, muss das sein?“
Brigitte tat, als hörte sie nicht. Ihr Vater sollte die Getränke bezahlen, da kam auch einiges zusammen, er würde sich wundern.
Heiratet man denn nicht nur einmal? Karl und Brigitte wollten sich ewige Treue schwören. Seine und ihre Eltern waren schließlich auch bei ihren Partnern geblieben, obwohl große Brocken weggeräumt werden mussten. Ein außereheliches Kind auf der einen Seite, Ungeduld und verhaltener Zorn auf der anderen. Weit und breit mehr keine Liebe. Nach außen wahrte der Schein.
Brigitte nahm sich vor, treu, sparsam und liebevoll zu sein. Sie und Karl würden ein gutes Leben haben. Und sie eine neue Unterschrift.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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