Das müssen wir feiern
Jetzt muss man keine Masken mehr tragen beim Einkaufen. Ich werde mir wohl etwas nackt vorkommen beim ersten Mal im Supermarkt. Vor allem aber auch: frei, und alle, die bei der Arbeit weiterhin Masken tragen müssen, haben mein Mitgefühl – und meinen wärmsten Dank.
„Erst als wir es wieder hatten, ist uns auch wieder aufgefallen, wie sehr wir es vermissten.“
Auch ich werde meine Maske dabei haben und sie zwischen meine Ohren spannen, am Nachmittag, wenn ich zur Friseurin gehe: zum ersten Mal seit Monaten. Es wird ein Fest. Und ich werde diese wiedergewonnene Freiheit feiern, wie ich es gefeiert habe, als wir zum ersten Mal wieder im Gasthaus saßen: an einem Tisch, an dem mir warmes Essen serviert wurde, das ich nicht selber hatte einkaufen und kochen müssen, auf Geschirr, das ich nicht in die Spülmaschine rein und aus der Spülmaschine raus räumen musste. Ein Luxus, und er wird mir jetzt einmal so richtig bewusst.
Und wie wir erst gefeiert haben, als wir letzte Woche das erste Mal wieder live und in echt jassten, so richtig, an einem Tisch im Gasthaus Kent in Ottakring, wo wir früher schon immer gejasst haben. Bevor die jungen Vorarlbergerinnen ganz in der Nähe ihr Vorarlberger Gasthaus aufsperrten, die „Völlerei“, mit den spitzenmäßigen Kässpätzle und dem Bier aus dem Ländle. Die waren aber schon ausgebucht, als wir uns spontan zum Live-Jass verabredeten, also gingen wir ins Kent, in den riesigen Raum hinten mit dem großen Fernseher, wo man früher immer aufpassen musste, dass der Morscher mit dem Rücken dazu sitzt, wegen der sexy türkischen Musikvideos. Jetzt zeigen sie aber nur noch Fremdenverkehrswerbung: Idyllische Landschaften, aufregende Städte, grüne Hügel, das ist ungefährlich. Außerdem war’s diesmal ein Frauenjass, der damit endete, dass der Kellner uns fürsorglichst mit Averna sauer fütterte und wir am nächsten Tag alle Kopfweh hatten; Schälwe, wie man in Wien sagt. (Das Wichtigste in Kürze: gewonnen.) Auch das war eine Feier: das Beieinandersitzen, miteinander essen, lachen, anstoßen, mit Juhu abstechen und über schlechte Blätter fluchen. Erst als wir es wieder hatten, ist uns auch wieder aufgefallen, wie sehr wir es vermissten.
Und so ähnlich wird es mir heute Nachmittag gehen, wenn ich bei der Friseurin die Haare gewaschen, geschnitten und geföhnt bekomme: Wie geht es dir, hast du es gut überstanden? Und dann endlich wieder mal mit etwas auf die Straße gehe, das den Ausdruck „Frisur“ verdient.
Und das ist es, was ich an Positivem aus der Corona-Krise mitnehme: Dass ich, nachdem sie uns eine Zeit lang genommen waren, die Freiheiten wieder spüre, die wir haben. Besonders die, mit meinen Freundinnen und Freunden zusammen zu sein. Und zu spüren, wie wichtig das ist: Freundinnen, Freunde, Freiheit.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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