Pathologe über Covid19: “Überraschend ist die Vielzahl an Organen, die betroffen sind”

Vorarlberg / 11.06.2020 • 10:00 Uhr
Pathologe über Covid19: "Überraschend ist die Vielzahl an Organen, die betroffen sind"
Felix Offner ist Primar des Instituts für Pathologie des Landeskrankenhauses Feldkirch. Nicht nur Tests werden hier ausgewertet, auch Leichenschauen werden durchgeführt. KHBG

Von Autopsien an Covid19-Verstorbenen, die auch am Landeskrankenhaus Feldkirch durchgeführt werden, erhoffen sich Forscher wichtige Erkenntnisse.

Feldkirch In Vorarlberg sind laut offizieller Statistik des Landes bisher 19 Menschen am Coronavirus gestorben. Am Institut für Pathologie des Landeskrankenhauses Feldkirch werden nicht nur Tests ausgewertet, sondern auch Menschen, die am Coronavirus verstorben sind, obduziert. Welche Antworten Autopsien von Covid19-Verstorbenen liefern und welche Organe geschädigt werden können, erklärt Pathologe Felix Offner im VN-Interview.

Wie viele Coronatests wurden vom Institut für Pathologie in Feldkirch bisher durchgeführt?

Offner Mit 8. Juni 2020 haben wir über 20.000 COV-2 PCR-Tests durchgeführt. Das sind knapp 90 Prozent aller in Vorarlberg durchgeführten PCR-Untersuchungen. Mittlerweile verwenden wir für diagnostische Zwecke auch Antikörper-Analysen, da bei manchen Patienten nur dadurch nachgewiesen werden kann, dass sie CoV2-infiziert sind oder infiziert waren. Die Zusammenschau aller diagnostischen Bausteine von der PCR bis zum Antikörper-Test ist dabei von großer Bedeutung.

Wieviele Tests können in Feldkirch pro Tag ausgewertet werden?

Offner Wir führen derzeit vor allem PCR-Tests für den Krankenhausbereich durch, da derzeit jeder Patient, der stationär aufgenommen wird, getestet wird. Die Anzahl der Tests pro Tag schwankt zwischen 200 und 450.

<span class="copyright">khbg/Hofmeister</span>Seit 20 Jahren Vorstand des Instituts für Pathologie: Felix Offner.
khbg/HofmeisterSeit 20 Jahren Vorstand des Instituts für Pathologie: Felix Offner.

Warum sind Autopsien wichtig?

Offner Autopsien dienen vor allem dazu, bei Todesfällen die Erkrankungsursachen und die Ursache des Todes zu klären. Trotz intensiven ärztlichen Bemühens und trotz aller modernen technischen diagnostischen Methoden wie zum Beispiel der modernen Bildgebung gelingt es uns Ärzten nicht immer zu klären, woran ein Patient nun genau erkrankt und verstorben ist. In diesen Fällen können Autopsien sehr wichtige Schlüsselinformationen liefern und vielfach auch eindeutige Klarheit schaffen. Bei einem in Feldkirch verstorbenen Patienten konnte erst durch die Autopsie der Verdacht auf eine Covid19-Erkrankung zweifelsfrei bestätigt werden. Autopsien helfen uns Ärzten zu lernen, bringen Gewissheit für Angehörige und in Fällen von Covid19 wichtige Informationen für Kontaktpersonen und Gesundheitsbehörden.

“Autopsien helfen uns Ärzten zu lernen, bringen Gewissheit für Angehörige und in Fällen von Covid19 wichtige Informationen für Kontaktpersonen und Gesundheitsbehörden.”

Felix Offner, Pathologe

Ein zweiter wichtiger Aspekt der Autopsie ist die Erforschung von Erkrankungen, vor allem neuer Erkrankungen wie Covid19. Wissenschaftliche Autopsie-Studien haben wesentlich dazu beigetragen zu lernen, welche Organe und welche Zellen des Köpers von Covid19 geschädigt werden und worauf wir bei frisch erkrankten Patienten besonders achten müssen. Zwei exzellente Publikationen dazu wurden übrigens auch von Pathologen aus der Schweiz und Österreich veröffentlicht.

Sind Coronatote bei Leichenschauen noch ansteckend?

Offner Autopsien bei Patienten, die an Covid19 verstorben sind, werden unter erhöhten Sicherheitsstandards durchgeführt. Der Schutz des medizinischen Personals hat höchste Priorität. Die Infektionsgefahr nach dem Tod ist, soweit wir wissen, nicht sehr hoch. Natürlich gilt es dennoch sehr sorgsam zu sein, Schutzmasken und Handschuhe  zu verwenden und die Entstehung von Aerosolen (Luftströme, die Viruspartikel enthalten können) zu vermeiden.

Covid19 schädigt die Lunge. Was sehen Sie als Pathologe, was richtet das Virus dort an?

Offner Das Coronavirus schädigt in der Lunge vor allem die Zellen, die für den Sauerstoffaustausch verantwortlich sind, genauer gesagt die Endothelzellen und Epithelzellen der sogenannten Lungenbläschen. Bei schweren Erkrankungsfällen kommt es dadurch zu einem Versagen der Lungenfunktion.

Was richtet das Virus im restlichen Körper an?

Offner Das Coronavirus kann neben den Lungen das Herz, die Nieren, das Gehirn sowie das Nervensysten und die Haut schädigen. Auch andere, noch weniger gut untersuchte Organe können vermutlich geschädigt werden.

Welche Rolle spielen Ihrer Einschätzung nach Vorerkrankungen?

Offner Vorerkrankungen insbesondere der Lunge, des Herzens oder Einschränkungen des Immunsystems, die im Alter naturgemäß häufiger vorkommen, spielen eine große Rolle. Sie belasten den Organismus per se und bergen dadurch ein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe.

Über die Frage, ob Patienten tatsächlich an oder mit dem Coronavirus sterben, wird häufig diskutiert: Was halten Sie davon?

Offner Die Frage, ob ein Patient an oder mit Corona verstorben ist, ist epidemiologisch bedeutsam, aber wir müssen uns eingestehen, dass wir sie in einigen Fällen nicht ganz zweifelsfrei beantworten können. Somit bergen auch die Statistiken eine gewisse Unschärfe.

Hat Sie bei Ihren Untersuchungen etwas besonders überrascht?

Offner Besonders überraschend ist die Vielzahl von Organen, die von CoV2 betroffen werden. Viele Patienten klagen zum Beispiel über einen für CoV2 charakteristischen Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Dies ist Ausdruck einer Schädigung des Nervensystems.

Denken Sie, dass es eine zweite Welle an Infizierten geben wird?

Offner Zur jetzigen Zeit sind sich weder Virologen noch Epidemiologen sicher, ob es tatsächlich eine große zweite Welle geben wird. Ich selbst hoffe, dass sie uns erspart bleibt, rechne aber mit dem wiederholten Auftreten von lokalen Infektionsherden. Ich bin aber optimistisch. Unser Gesundheitssystem hat die Pandemie bislang mit Bravour gemeistert und wir sind nun sehr viel besser vorbereitet.