Striktes Nein der Jäger zu Massenwildtötung

Weidmänner wollen TBC-Maßnahmenkatalog genau umsetzen, sagt Landesjägermeister Christof Germann.
Bregenz Die Jagdsaison hat begonnen, und die heimischen Weidmänner stehen vor großen Herausforderungen: TBC-Gefahr, Abschussquotenerfüllung, Arrangements mit Landwirten und Waldschützern. Landesjägermeister Christof Germann will mehr wissenschaftliche Fakten über die Bestandsgröße beim Wild, spricht sich für den nachhaltigen Schutz des Lebensraums der Wildtiere aus und möchte hochwertiges Wildbret dem breiten Volk schmackhaft machen.
Wir stehen am Anfang der Jagdsaison. Wie ist die Stimmung bei den Weidmännern gerade auch im Hinblick auf die Coronasituation?
Insgesamt ist die Stimmung positiv. Die Vorarlberger Jägerinnen und Jäger sind wie alle anderen auch damit konfrontiert, die Schutzmaßnahmen einzuhalten. Die Jagd findet allein statt oder mit dem nötigen Abstand, Veranstaltungen sind abgesagt. Für das Wildbret gelten immer strenge Hygienevorschriften, die auch im Zuge der Jagdausbildung einen wesentlichen Bereich darstellen.
Der Beginn der neuen Saison zwingt zur Bilanz der alten. Wie sieht diese aus, vor allem in Bezug auf die behördlich vorgeschriebenen Abschussquoten?
Im vergangenen Jahr wurden über 9000 Stück Schalenwild erlegt. Das entspricht einer Abschussquote von 103 Prozent. Damit hat die Vorarlberger Jägerschaft den Abschussplan übererfüllt. Die von der Behörde vorgeschriebenen Abschusszahlen sind in den letzten Jahren ständig erhöht worden, von 7898 im Jagdjahr 2007/2008 bis zu 9054 im vergangenen Jagdjahr.
Wie ist diese Bilanz zu bewerten?
Für das Wild in Vorarlberg bedeutet die anhaltende Steigerung der Abschusszahlen einen stark zunehmenden Jagddruck. Das Wild, und speziell das Rotwild, reagiert sensibel auf die erhöhten jagdlichen Aktivitäten und wird immer “heimlicher”. Das heißt, es wird vorsichtig, zieht sich zurück und zeigt sich nur noch in sicheren hochgelegenen Regionen und in der Dunkelheit. Die Jagd wird dadurch immer aufwendiger und zeitintensiver, wenn abgelegene Lebensräume erreicht werden müssen, wo sich das stark bejagte Rotwild versteckt hält. Die Jägerschaft hat aber bewiesen, dass der Wille da ist, die behördlichen Vorgaben zu erreichen.
Trotzdem gibt es immer noch zu viel Rotwild. Beispiel Mellental, Beispiel Montafon. Warum hat der Rotwildbestand dermaßen überhandnehmen können?
Diesen Behauptungen möchten wir gerne Fakten gegenüberstellen. Es fehlen nach wie vor wissenschaftlich fundierte Methoden zur Zählung von Rotwild. An Stelle von Emotionen und Mutmaßungen wollen wir in dieses Thema Objektivität hineinbringen. Es gehören belastbare Zahlen auf den Tisch, die vom Forst und von der Jagd akzeptiert werden. Das Vorarlberger Rotwildprojekt wird uns hier gute Erkenntnisse liefern, die auf soliden Fakten beruhen.
Wie steht es um die Vorbereitungen der Jäger auf die bevorstehende Alpsaison?
Dafür braucht es eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Jagd und Landwirtschaft. Gerade in den TBC-Gebieten kommt es darauf an, dass beide Seiten den TBC-Maßnahmenkatalog zuverlässig einhalten. Was wir in Coronazeiten gelernt haben, gilt auch für das Distanzhalten zwischen Alpvieh und Wild.
Was sind die Schwerpunkte der Jägerschaft für das diesjährige Jagdjahr?
Auch dieses Jahr ist dem langfristigen Ziel verpflichtet, die Lebensräume für die Wildtiere in Vorarlberg nachhaltig zu schützen. In Kooperation mit dem Land sind wir gerade in der Vorbereitung von wildökologischen Projekten, die wir in den nächsten Wochen präsentieren werden. Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Direktvermarktung von Wildbret. Wir wollen dieses köstliche und gesunde regionale Lebensmittel für die gesamte Bevölkerung einfacher erhältlich machen.
Die geplanten Regulierungsgatter mit dem konzentrierten Töten von Rotwild wurden als Teil der TBC-Maßnahmen im Dezember beschlossen. Die Jäger haben dem zuerst zugestimmt, und sind dann dagegen Sturm gelaufen. Was ist der Stand der Dinge?
Eine Gatterjagd, wie sie in Tirol stattgefunden hat, war in Vorarlberg niemals ein Thema. Bei uns in Vorarlberg war die Rede von einem Regulierungsgatter, das selektiv als allerletzte Maßnahme eingesetzt werden kann. Auch uns ist es ein Anliegen, dass die TBC ganz energisch bekämpft wird. Das Tiroler Beispiel hat aber deutlich gezeigt, wo die roten Linien sind – für die Jägerschaft, aber auch für die Bevölkerung. Ein Niedermetzeln von Wildtieren ist weder weidgerecht noch tierschutzgerecht. Es ist schockierend, dass es zu solchen Maßnahmen überhaupt kommen kann. Wir lehnen derartige Massentötungen zutiefst ab.
Wie ist derzeit der Zulauf zur Jägerschaft?
Das Interesse an der Natur, unseren Wildtieren und Lebensräumen ist ungebrochen hoch. Pro Jahr werden etwa 130 Frauen und Männer aller Altersgruppen jagdlich ausgebildet. Der Anteil der Frauen nimmt erfreulicherweise weiter zu. Die Vorarlberger Jägerschule erfreut sich großer Nachfrage.
Das Verpachten von Jagden ist ein gutes Geschäft. Reiche Jäger wollen auf die Schnelle Abschüsse tätigen. Inwiefern ist das ein Problem für eine vernünftige Bestandskontrolle?
Die Einnahmen aus Jagdpachten sind für viele Landwirte gerade in höheren Lagen existenziell notwendige Einkommen. Letztlich entscheidet der Grundeigentümer, wem er seine Jagd verpachtet.