Eva Fahlbusch: Hoffnung auf ein Wunder

Vorarlberg / 25.05.2020 • 10:00 Uhr
Eva Fahlbusch: Hoffnung auf ein Wunder
Eva Fahlbusch hat ihren Lebensmittelpunkt nach Vorarlberg verlegt. HRJ

Eva Fahlbusch hat durch ihren Einsatz für die Menschenrechte schon viel bewegt.

BREGENZ, LOCHAU Was ist Arbeit? Mittel zum Zweck? Nicht nur, meint Eva Fahlbusch: „Arbeit ist auch, sein Leben so zu gestalten, dass man sich nicht fremdbestimmen lässt, dass man Herr seiner selbst bleibt.“ Fremdbestimmen hat sich die 60-jährige Deutsche nie lassen. Weder im beruflichen noch im privaten Bereich, weder jenseits noch diesseits der Grenze. Mit einem „Hallo, wie geht’s?“ und eineinhalb Metern Abstand führt Eva Fahlbusch in ihr Büro in Bregenz. Sie stellt eine Glaskanne mit Wasser und zwei Gläser auf den Tisch, lässt sich auf einen Stuhl nieder, mit eineinhalb Metern Abstand, versteht sich.

Höhen und Tiefen

Ein bisschen müde sei sie geworden, gibt sie zu. Die aktuellen Umstände, auch durch die Coronakrise verursacht, rauben ihr Energie. Dennoch ist sie die Frau geblieben, die handelt, statt (nur) redet. Als Systemische Familientherapeutin unterstützt sie Geflüchtete aus aller Welt dabei, in der Fremde Fuß zu fassen und mit Würde behandelt zu werden. Die Würde des Menschen ist unantastbar: Der Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes steht auf der Wand in ihrem Büro geschrieben, in Österreich ist dieser Satz im Artikel 2 der Verfassung verankert. Eva Fahlbusch hat vor sieben Jahren den Verein „Vindex – Schutz und Asyl“ gegründet und seitdem viele Höhen und auch einige Tiefen erlebt. Nach Vorarlberg ist sie vor zehn Jahren übersiedelt. Sie wohnt in Lochau.
Aufgewachsen ist Eva Fahlbusch in der Nähe von München, „in einem Haus mit großem Garten, mit einer älteren und einer jüngeren Schwester“, erzählt sie. Als Zehnjährige zog sie mit ihrer Familie nach Langenberg, ein Dorf in Westfalen. Mitte 20 kehrte Eva als Mutter von zwei Töchtern – die eine war sieben Jahre, die kleine sechs Monate alt – nach Bayern zurück. Sie hatte eine Ausbildung zur Schreinerin absolviert und danach im „Haus der Eigenarbeit“ der gemeinnützigen Stiftungsgesellschaft „anstiftung“ in München als Schreinerkursleiterin begonnen. Evas Kurse waren Teil eines Forschungsprojekts mit dem Schwerpunktthema: Was ist Arbeit? „Dieses Projekt hat mich stark geprägt“, sagt Eva. Zuvor habe sie Arbeit als Mittel zum Zweck betrachtet, im Laufe der Projektarbeit habe sie indes eine völlig andere Sichtweise entwickelt, „auch zum Thema Umgang mit Mitmenschen“. Als sich zu ihren Kursteilnehmern auch Menschen aus Randgruppen, wie Strafentlassene, ehemalige Suchtkranke und problematische Jugendliche gesellten, „erkannte ich, dass ich eine therapeutische Ausbildung brauche“. Sie ließ sich zur Systemischen Familientherapeutin ausbilden. In der Folge arbeitete sich Eva im „Haus der Eigenarbeit“ zur Werkstattchefin und später zur Geschäftsführerin hoch.
Schicksalshafte Folgen hatte eine Reise nach Kuba im Jahr 2002. Sie begegnete Santiago. Der Kubaner folgte ihr zwar nach München, aber er fühlte sich dort nicht wohl. „Ihm fehlte das Meer.“ Ein Jahr später stand das Paar vor der Entscheidung: „Santiago kehrt nach Kuba zurück, oder wir ziehen an einen Ort, wo es Wasser gibt“, erzählt Eva. „So fuhren wir einmal, das war 2005, an den Bodensee.“ Santiago kannte in Lindau einen Hotelbesitzer, für den er in Kuba als Fremdenführer tätig war. Die Wiedersehensfreude war groß, und Santiago bekam einen Job in dem Hotel. Eva begab sich auf die Suche nach einem geeigneten Job. Sie blieb in Vorarlberg hängen. Das Dowas (Der Ort für Wohnungs- und Arbeitssuchende) in Bregenz stellte sie als betriebliche Sozialarbeiterin an und entsandte sie zum sozialen Unternehmen Integra in Wolfurt.
Dort war Eva beim Arbeitseingliederungsprojekt für verschiedene Werkstätten zuständig, in denen Langzeitarbeitlose beschäftigt wurden. Unter ihnen waren auch Geflüchtete aus Tschetschenien. „Dadurch wurde ich mit deren Lebensgeschichten konfrontiert, auch mit der Asylthematik und mit Abschiebungen.“ Sie entschied, den schwer traumatisierten Menschen effektiv zu helfen und gründete die Hilfsorganisation Vindex – Schutz und Asyl. „Vindex ist ein interkultureller Zusammenschluss von Konventionsflüchtlingen, Asylsuchenden und Einheimischen und hilft Menschen, die in Österreich Schutz suchen, egal woher sie kommen“, beschreibt Eva Fahlbusch den im April 2013 eingetragenen Verein, dessen Geschäftsführerin sie ist. Sieben Jahre, viele Hilfsaktionen und viele berührende Momente später steht Eva Fahlbusch vor der Tatsache: „Wenn kein Wunder passiert, müssen wir Vindex aufgeben.“ Das Geld geht aus, und es gibt, auch aufgrund der Coronakrise, keine Förderung mehr. „Wir brauchen aber finanzielle Unterstützung, um weitermachen zu können.“

Es kommt, wie es kommt

Die Schließung von Vindex hieße für Eva, sich beruflich neu orientieren zu müssen. Das ist ihr klar. Auf jeden Fall möchte sie in Vorarlberg bleiben. „Vorarlberg ist mein Zuhause geworden. Hier ist nun mein Lebensmittelpunkt. Ich mich hier sehr eingebracht“, betont sie. Das hat sie in der Tat: Eva Fahlbusch ist auch Mitbegründerin der Vorarlberger Plattform für Menschenrechte und der Armutskonferenz in Vorarlberg. Am Beginn der Coronakrise hat sie dafür gesorgt, dass Vindex Teil der Vorarlberger Schutzmaskenproduktion geworden ist. In der Vindex-Nähwerkstatt neben ihrem Büro haben Geflüchtete gemeinsam mit Einheimischen bislang an die 1500 Schutzmasken fabriziert. Auch jetzt ist das Geratter der Nähmaschinen zu hören. „Nun, wir werden sehen, was passiert“, sagt Eva Fahlbusch mit einem kleinen bisschen Optimismus. „Es kommt, wie es kommt.“ HRJ