PH-Rektor Gernot Brauchle: “Lehrermangel sieben bis zehn Jahre”

Rund 125 Absolventinnen und Absolventen aus Vorarlberg und Tirol sollten heuer den Lehrermarkt bereichern.
Feldkirch Gernot Brauchle (55), Rektor der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, erlebt die coronabedingte Sperre der tertiären Bildungsstätte als sehr lehrreich und schließt nicht aus, dass distance learning auch im kommenden Herbst noch angesagt ist. Trotz seiner Meinung nach guter Absolventenzahlen werde der Lehrermangel noch sieben bis zehn Jahre andauern und nicht ohne Konflikte zu bewältigen sein.
Wie erleben Sie die Zeit ohne physisch anwesende Studenten?
Positiv sehe ich die vielen interessanten Erfahrungen im Zusammenhang mit Verbesserungen des distance learnings. Diese werden auch nach Covid19 bleiben, Teil der Ausbildung und vielleicht auch der Fortbildung sein. Wir wären auch darauf vorbereitet, sollte dieses Studienmodell noch ein weiteres Jahr notwendig sein. Die dafür nötige Verordnung für dieses Szenario gibt es bereits.
Was steht für Sie jetzt vor der Sommerpause noch an?
Onlineschulungen mit digitalen Tools für Lehrerinnen und Lehrer, Abstimmung und Stellungnahmen zu neuen Gesetzen bzw. Gesetzestexten, die die Pädagogischen Hochschulen betreffen, Verhandlungen und Abstimmung zum Start des Bachelorstudiums Elementarpädagogik im Herbst 2021, Planungstätigkeiten betreffend der Ausbildung sowie der Fort- und Weiterbildung im Wintersemester, die Vorbereitung auf den Vorsitz in der Internationalen Bodenseehochschule, den ich ja seit Kurzem innehabe. Das sind nur einige meiner Arbeitsfelder bis zum Semesterende.
Wie viele Junglehrerinnen und Junglehrer bekommt Vorarlberg heuer von der PH Vorarlberg?
Es werden 60 Bachelorstudenten ihren Abschluss für die Primarstufe machen, 30 ihren Masterabschluss. Hinzu kommen 35 Bachelorabschlüsse für die Sekundarstufe. Nicht alle diese Absolventen werden freilich neu als Lehrer in Vorarlberg arbeiten, einige von ihnen haben bereits Lehrtätigkeiten in geringerem Ausmaß ausgeübt.
Sind Sie mit dieser Zahl von Absolventinnen und Absolventen zufrieden?
Ja, bin ich. Wir hatten einen geringen Dropout. Die Zahl der Absolventinnen und Absolventen ist heuer größer als in den vergangenen Jahren. Das hat aber damit zu tun, dass es in der Primarstufe erstmals Masterabschlüsse gab. Nächstes Jahr gibt es diese auch in der Sekundarstufe.
Es herrscht Lehrermangel im Land. Wie ist Ihre Position zu Maßnahmen dagegen, wie zum Beispiel Stundenkürzungen oder administrative Entlastung von Schulen?
Es wird keine Maßnahme geben, die ohne Konflikte umgesetzt werden kann. Es wird aber Maßnahmen brauchen, denn der LehrerInnenmangel wird uns noch sieben bis zehn Jahre begleiten.
Wie sehr fühlt sich Ihre Einrichtung durch den Lehrermangel unter Druck gesetzt?
Da die Ausbildung einer Lehrerin bzw. eines Lehrers fünf bis sechs Jahre dauert, kann die Pädagogische Hochschule Vorarlberg nur wenig zu kurzfristig notwendigen Lösungen betragen. Derzeit können Studierende der PH Stunden an Schulen übernehmen, müssen jedoch auch darauf achten, dass sie dennoch ihr Studium beenden können.
Können Sie sich vorstellen, dass PH auch Ausbildungen für Verwaltungspersonal an Schulen anbieten?
Wenn es gesetzlich möglich ist, ja. Es ist uns ein großes Anliegen, einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Situation zu leisten.
Wie ist die PH Vorarlberg generell aufgestellt, was das Fächerangebot anbelangt? Gibt es Erweiterungspläne?
Ja, es gibt Pläne, mit Unterstützung von Land und Bund. Der Bruch der Regierung 2019 sowie die Covid19-Pandemie haben die Umsetzung der Pläne jedoch verzögert. Eine konkrete neue Möglichkeit wird es geben, wenn das Konservatorium als Privatuniversität akkreditiert ist. Dann könnten wir Musik als weiteres Fach anbieten. Ab Herbst 2021 werden wir zudem wahrscheinlich das Bacherlorstudium Elementarpädagogik gemeinsam mit zwei weiteren PH aufnehmen können. Die Vereinbarung ist unterschrieben, die Mittel weitestgehend gesichert und bei der Umsetzung liegen wir im Plan.
Sie sind neuer Vorsitzender der Internationalen Bodenseehochschule (IBH). Wie kann Vorarlberg davon profitieren?
Vorteile hat Vorarlberg durch das beeindruckende Netzwerk, das die IBH bietet. Das bezieht sich auf gemeinsame Lehrerprojekte, grenzüberschreitende Schul- und Unterrichtspraktika sowie die kooperative Forschung. Spezifische Vorteile durch mich als Vorsitzenden sehe ich nicht, würde ich auch nicht nutzen.