Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Damit Sie mich verstehen . . .

Vorarlberg / 20.05.2020 • 12:30 Uhr

„Damit Sie mich verstehen, ich arbeite nicht gern“. Das sagte ein Familienvater um die vierzig, kräftig, mit Bauchansatz und schlechten Zähnen. Eine Frau, vier Kinder, wohnhaft in einer Dreizimmerwohnung in einer Art Hochhaus. Das Hochhaus zu nennen, war eigentlich ein Witz, hatte nur drei Stockwerke. Aber es war eben das Hochhaus. Der Mann wohnte im dritten Stock. Die Kinder waren noch klein, der Älteste neun Jahre, die Kleinste zwei. Die Mutter arbeitete in der Nacht als Näherin, sie hatte es nicht gelernt, aber Reißverschlüsse einnähen, Hosen kürzen, Röcke enger machen, einfache Kinderkleider mit Gummizug, das konnte sie. Jetzt, da die Seuche über das Land gezogen war, saß der Mann zu Hause, es gab für ihn keine Kurzarbeit. Er war arbeitslos geworden. Musste hoffen, dass er wieder seinen Job als Lagerarbeiter zurückbekam. Er war es leid zu faulenzen. Um es genau zu benennen, er war es leid, ZU HAUSE zu faulenzen. Das sagte er seiner Frau beim Abendessen.

„Jetzt, da die Seuche über das Land gezogen war, saß der Mann zu Hause, es gab für ihn keine Kurzarbeit.“

„Weißt du, was ich vermisse, Adele“, sagte er zu ihr, „ich vermisse meine Kumpels, die Pausen mit meinen Kumpels, verstehst du, Adele, das verstehst du nicht, weil du keine Kumpels hast, die Gespräche mit meinen Kumpels, nach der Arbeit, die Biere.“
„Ich“, antwortete seine Frau, „habe keine Zeit für Freundinnen, weil meine Freudinnen auch keine Zeit für mich haben. Ich freue mich das ganze Jahr auf den Urlaub und weiß, dieses Jahr wird es keinen geben. Einmal nichts tun, in der Sonne liegen, ins Meer schauen. Scheiße!“
„Das“, sagte der Mann, „ist die Scheiße, wir beide wissen das, und unsere Kinder können das nicht begreifen, Chris, dem kann ich es erklären, der ist ein Boxer.“

„Aber“, sagte die Frau, „die Mädchen haben nichts, alle ihre Spielsachen sind ihnen langweilig. Sie streiten nur noch. Keiner will auf Luca aufpassen, alles bleibt an mir hängen. Luca klammert sich an meine Beine, wenn ich nähe. Sie sitzt unter dem Tisch und weint. Ich kann den Kindern nicht einmal böse sein.“
„Sie brauchen eine Aufgabe“, sagte der Mann. „Lass sie das Waschbecken abseifen, die Badewanne schrubben, lass sie Gemüse putzen!“
„Dafür sind sie noch zu klein, sie machen Dreck bei ihrer Arbeit und für mich bedeutet das Nachputzen. Kümmere du dich um die Kleine, geh mit ihr um den Block!“
„Adele, ich kenne jeden Stein im Umkreis, jede beschissene Lücke am Parkplatz, die mir sagt, dass ich kein Auto mehr habe, weil ich mir kein Auto mehr leisten kann.“
„Du solltest zum Zahnarzt, Xaver“, sagte seine Frau, „deine Zähne schreien zum Himmel.“
„Superformulierung, mein Schatz. Können wir uns nicht leisten, den Zahnarzt.“
„Warten wir bis es dunkel ist“, sagte Adele, „dann kümmere ich mich um dich.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.