Nazi-Bürgermeister vom politischen Gegner vor Gestapo versteckt

Das Weltkriegsende in Lustenau wäre ohne den Mut einzelner Personen schlimmer verlaufen.
Lustenau Es war in den ersten beiden Maitagen des Jahres 1945, als sich Lustenau auf einer Gratwanderung zwischen blutigem Kriegsende und friedlicher Übernahme durch französische Truppen befand. An der Peripherie des Ortes wurden in den Wochen zuvor Panzersperren und Befestigungen errichtet, um den einrückenden Alliierten Widerstand zu leisten.
Die Befestigungen waren beim Einmarsch der Franzosen glücklicherweise nicht besetzt, der Widerstand blieb, sehr zum Missfallen der Kreisleitung in Dornbirn, aus. Der „Volkssturm“ der NSDAP, der unter dem Namen „Standschützen“ figurierte, verweigerte die Gefolgschaft. Die Standschützen weigerten sich, Einsätze außerhalb der Gemeinde durchzuführen. Als am 1. Mai schließlich die Nachricht eintraf, dass circa 1000 Zwangsarbeiter bei Höchst versucht hätten, in die Schweiz zu gelangen und jetzt auf dem Weg nach Lustenau seien, lieferte das Bürgermeister Oskar Alge eine willkommene Rechtfertigung. Er erklärte gegenüber der Kreisleitung, dass die Standschützen zur Verhinderung von Plünderungen im Ort gebraucht würden.

Von Gestapo gesucht
Am selben Tag überflogen alliierte Tiefflieger den Ort, sie beschossen Autos und Fuhrwerke. Ein Haus wurde dabei vollständig ein Raub der Flammen. Daraufhin ließ Bürgermeister Oskar Alge weiße Fahnen hissen. Die Kreisleitung in Dornbirn setzte als Reaktion Alge als Bürgermeister ab. Gleichzeitig wurden Gestapo-Männer nach Lustenau geschickt, um Alge zu suchen und ihn zur Verantwortung zu ziehen. Historiker Universitätsdozent Wolfgang Scheffknecht bewertet die Handlung von Oskar Alge auch in der Retrospektive als sehr mutig. „Alge war zwar überzeugter Nationalsozialist, aber trotzdem ein besonnener Mann. Mit der Anordnung zum Hissen der weißen Fahnen ging er ein sehr hohes Risiko ein. Im schlimmsten Fall hätte ihm die standrechtliche Hinrichtung drohen können, obwohl die Bereitschaft selbst bei glühenden Nationalsozialisten, solche Befehle auszuführen, in den letzten Kriegstagen unterschiedlich stark ausgeprägt war.“
“Mit dem Hissen der weißen Fahnen ging Oskar Alge ein hohes Risiko ein.”
Wolfgang Scheffknecht, Historiker
Der Bürgermeister wurde von einem politischen Gegner, einem Christlich Sozialen aus der als „schwarzer Kontinent“ bezeichneten Staldenstraße in dessen Haus versteckt.

Freundlicher Empfang
Am folgenden Tag, dem 2. Mai, kurz nach Mittag warfen französische Flugzeuge über Lustenau Flugblätter ab, in welchen sie die bevorstehende Befreiung ankündigten. Um 15 Uhr rollten zwölf Panzer und 20 Lkw mit französischen und marokkanischen Soldaten in Lustenau ein. Sie wurden von der Bevölkerung herzlich empfangen. Ein französischer Offizier hielt fest: „Der Empfang der Bevölkerung war überwältigend. Die ganze Bevölkerung umlagerte unsere Fahrzeuge und überreichte uns Blumen, Wein und Kuchen. Dieser warmherzige Empfang verfälschte komplett die Stimmung. Wir, die wir seit zwei Monaten gewohnt waren, in düstere und leere Orte zu kommen, sahen uns plötzlich einer begeisterten Menge gegenüber.“

Tote am 2. Mai
Ganz ohne Blutvergießen lief der 2. Mai trotzdem nicht ab. Eine französische Einheit wurde beim Seelachendamm Richtung Hohenems beschossen, vier französische Soldaten starben. Von der Büngenstraße aus feuerte französische Artillerie nach Götzis. Dort wurden fünf Zivilisten getötet und zwölf Häuser zerstört.
Oskar Alge kam aus seinem Versteck heraus und suchte das französische Kommando auf. Er konnte Französisch und wurde vom Kommandanten für drei Tage als Bürgermeister wiedereingesetzt.
„Über die Besatzung der Franzosen gibt es keine Berichte, wonach diese als bedrückend empfunden wurde“, berichtet Historiker Scheffknecht. Angst hatten Teile der Bevölkerung höchstens vor den Marokkanern in der Truppe. Die NS-Propaganda hatte noch in den letzten Kriegstagen Gräuelgeschichten über die Nordafrikaner verbreitet. Bezeugt ist eine Vergewaltigung einer Frau durch einen Marokkaner im Ried. „Doch die Franzosen kannten mit den Marokkanern in ihren Reihen bei Verfehlungen keine Gnade. Sie galten in der Truppe als Menschen zweiter Klasse. Bei Vergehen wurden sie hart bestraft“, weiß Scheffknecht.

Mit den Menschen in Österreich waren die französischen Soldaten viel humaner als mit den Deutschen. „Das war die offizielle Linie der Befehlshaber“, erzählt Wolfgang Scheffknecht.