Das Kein-Walsertal
Es gibt keinen Ort, an dem das Europa der Regionen so intensiv gelebt wird, wie im Kleinwalsertal. Lange bevor die Europäische Union existierte oder Österreich beigetreten war. Das Kleinwalsertal konnte sich stets auf den Zollvertrag von 1890 verlassen. Sogar Vorkehrungen für den Seuchenfall waren darin vorgesehen, wie Historiker und VN-Autor Meinrad Pichler in Erinnerung rief. Doch in den vergangenen Wochen war der weiterhin gültige Vertrag offenbar das Papier nicht wert, auf dem er verfasst wurde. Die Bewohner des Gebirgstals waren abgeschnitten, die Grenze an der Walserschanze durfte ohne Sondergenehmigung niemand überqueren.
Zwischen den Stühlen
Schon die bislang gefundenen Lösungen brauchten viel Energie von Bürgermeister Andi Haid, von Landeshauptmann Markus Wallner. Und doch sind das alles erst Einzelteile zum großen Ganzen: immerhin können die fünftausend Kleinwalsertaler nun wieder in den benachbarten deutschen Gemeinden einkaufen. Schwerer liegt auf dem Tal, das völlig vom Tourismus abhängig ist, dass es auch tief im Mai noch überhaupt keine Andeutung eines Hauchs einer Perspektive gibt, ob im Sommer für Touristen aufgesperrt werden kann. Denn auch wenn Wiener Ministerien beschließen, dass Hotels geöffnet werden dürfen, macht das im Kleinwalsertal zunächst keinen Sinn. Erst wenn Touristen aus dem für das Kleinwalsertal einzig relevanten Herkunftsland Deutschland kommen dürfen, gibt es eine wirtschaftliche Perspektive.
Die VN konfrontierten gestern Bundeskanzler Sebastian Kurz mit dem ungelösten Problem eines ganzen Tales, das sinnbildlich ist für die Bodenseeregion. Sinnbildlich für das Rheintal, das sich in Österreich, Schweiz und Liechtenstein teilt. Sinnbildlich für eine Region, die glücklicherweise stärker zusammengewachsen ist, als man es auf den ersten Blick vermuten würde: Die einen kaufen diesseits der Grenze ein oder fahren Ski, die anderen arbeiten jenseits der Grenze und machen Ausflüge. Eine Region, die wie ganz Westösterreich darauf baut, dass die Grenzöffnungen mit Deutschland, auch mit der Schweiz, schon in wenigen Wochen Wirklichkeit werden. Die wirtschaftliche Wucht der Corona-Maßnahmen könnte messbar abgefedert werden – messbar auch und vor allem an wirtschaftlichem Aufschwung,
an geringerer Arbeitslosigkeit.
Mehr als nur ein Blick
In unserer Region, in der die Panoramagasthöfe an den Talhängen wahlweise Drei-, Vier- oder sogar Fünfländerblick heißen, reicht der bloße Blick ins andere Staatsgebiet eben nirgends hin. Es geht darum, dass die Menschen wieder das tun können, was sie in der Europa-Region Bodensee gelernt haben, zusammen zu tun: miteinander zu leben; da gehören Grenzübertritte dazu.
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