75 Jahre Kriegsende in Vorarlberg: eine Chronologie

Vorarlberg / 01.05.2020 • 20:00 Uhr
75 Jahre Kriegsende in Vorarlberg: eine Chronologie
Das brennende Bregenz am Vormittag des 1. Mai 1945. STADTARCHIV BREGENZ

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Der Kampf um Vorarlberg dauerte eine Woche.

Sonntag, 22. April

Erste Gerüchte von französischen Truppen am Obersee machen in Bregenz die Runde. Die Truppen, in erster Linie Rekruten aus Landeck und Bludenz wie die heimischen Standschützen, werden in ihre Stellungen gerufen, die Gaugrenze zu Bayern hin geschlossen. Der Kampfeswille ist niedrig, bis hin zum zuständigen Festungsgeneral Feurstein, selbst Bregenzer, legt man keinen Wert auf unnötige Kämpfe. Bereits beim Anlegen der Stellungen fielen die Heimatwehren durch fehlendes Engagement auf, sie gelten bei der Kreisleitung und Wehrmacht als unzuverlässig.

Die gesamte nächste Woche strömen Ausländer, Zwangsarbeiter und Nationalsozialisten über die Grenze, um entweder in die Schweiz zu gelangen oder um in der “Alpenfestung” Schutz zu suchen. Die von der Partei vielbeschworene Alpenfestung scheiterte schon am Mangel von Baumaterial, wurde von den Alliierten jedoch durchaus ernst genommen. Dabei bestanden die meisten Bunker und Befestigungen gerade einmal aus Holz und Erde.

Mittwoch, 25. April

Die Französische 1. Armee besetzt Singen und Radolfszell. Sie konzentrieren sich auf die Sicherung des Hinterlands, bevor sie auf die “Alpenfestung” vorstoßen. Was sie nicht wissen konnten: Bei einem sofortigen Vorstoß auf Bregenz wären sie kaum auf Widerstand gestoßen.

Seit Sonntag laufen Bemühungen, Bregenz und Feldkirch zu offenen Städten zu erklären. Hier sind laut “Festung Vorarlberg” vor allem der schweizerische Konsul Blitz und der “bekehrte” Wehrmachtsoffizier Tarabochia zu nennen. Derweil strömen immer mehr Soldaten der XXIV. Armee ins Ländle. Noch in der Nacht bestätigt die zuständige Heeresgruppe Süd den Status als Freie Städte, die kampflos übergeben werden. Bregenz erfährt davon am Samstag. Der Status der beiden freien Städte macht das Rheintal nicht verteidigbar, eine Schlacht wäre so zu vermeiden gewesen.

Sonntag, 29. April

Tieffliegerangriff aufs Wälderbähnle im Bregenzer Bahnhof, insgesamt sterben zwölf Personen. Die Franzosen wissen noch nichts vom Status der Offenen Stadt, der inzwischen wieder hinfällig ist. Schuld war ein Wechsel der Struktur: Vorarlberg wurde von der Heeresgruppe Süd zur Heeresgruppe West umgestellt, neuer Festungskommandant ist General Schmidt der XXIV. Armee, der auch Teile der SS angehören. Er organisiert nun gemeinsam mit der Kreisleitung der NSDAP die Verteidigung. Neue Order: Vorarlberg wird verteidigt, es gibt keine offene Städte. Wehrmacht und SS verstärken die Positionen. Eckpfeiler der Verteidigung sind Bregenz, Götzis, Feldkirch, Frastanz, Arlberg entlang der Hauptstraße ins Tirol. Insgesamt 8000 Mann, zuzüglich der Standschützen, sollen Vorarlberg verteidigen. Es mangelt an schweren Waffen, nennenswert sind nur zwei schwere Flak. Währenddessen sendet das Schweizer Radio noch, dass die Städte nicht verteidigt werden.

Die Bombardierung der Wälderbahn am 29. April 1945 forderte zwölf Menschenleben. <span class="copyright">STADTARCHIV BREGENZ  </span>
Die Bombardierung der Wälderbahn am 29. April 1945 forderte zwölf Menschenleben. STADTARCHIV BREGENZ  

Schmidt, selbst preußischer Offizier, sieht die Notwendigkeit der Verteidigung der Alpenfestung, hat aber Verständnis für die Bregenzer, die sich für den Schutz der Stadt aussprechen. Verteidigt wird Bregenz selbst daher “nur” an der Klause – was jedoch immer noch zu nahe ist, um Bregenz als offene Stadt gelten zu lassen.

Eine französische Panzerdivision und die 1. marrokkanische Gebirgsjägerdivision gehen an der Grenze in Stellung. Dank der Panzerdivision waren die Alliierten an Artillerie und gepanzerten Fahrzeugen stark überlegen. Um 20:30 Uhr überschreiten bei Hohenweiler die ersten Erkundungstrupps die Grenze.

Montag, 30. April

Die Première Armée Francaise plant den Vormarsch auf Vorarlberg über zwei Routen. Eine Stoßrichtung ist entlang des Bodensees über Friedrichshafen und Lindau auf Lochau, die zweite über Ravensburg auf den Grenzübergang Gmünd-Hohenweiler. Lindau wird nicht zuletzt auf Betreiben des Dornbirner Hoteliers Jörg Rhomberg den Franzosen wehrlos übergeben. Am selben Morgen wird in Hohenweiler noch der Familienvater Hermann Rottmeier von der Waffen-SS erschossen, als er eine weiße Fahne hissen will. Die verbliebenen deutschen Truppen müssen jedoch unter dem Druck der Franzosen schnell von der Grenze zurückweichen. In Hohenweiler werden vier Bauernhöfe und ein Wohnhaus durch die Kämpfe vollständig zerstört.

Gedenktafel, dass hier die Franzosen erstmals Österreich betraten. <span class="copyright">Stadtarchiv Bregenz</span>
Gedenktafel, dass hier die Franzosen erstmals Österreich betraten. Stadtarchiv Bregenz

Erst vor der Klause beim Gasthaus Wellenhof kommen die Franzosen zum Halten. Sie fordern bis 3 Uhr morgens den Abzug der Verteidiger, ansonsten werde Bregenz dem Boden gleichgemacht. Inzwischen wussten die Franzosen um den Status als Freie Stadt, aber nicht von dessem Widerruf. Daher war die Stellung an der Klause aus ihrer Sicht ein völkerrechtswidriger Hinterhalt und verlangte Vergeltung. Gegen 18:20 Uhr erkundet ein Flugzeug Bregenz, am 20 Uhr schoss sich die schwere Artillerie vom Lindauer Bodenseeufer aus auf Bregenz ein. Die schweren Waffen der Verteidiger wie eine Flak am Langen Stein sind bereits zerstört. Bereits drei Vorarlberger Zivilisten zählen zu den Opfern der Schlacht.

Franzosen in Hohenweiler. <span class="copyright">Stadtarchiv Bregenz</span>
Franzosen in Hohenweiler. Stadtarchiv Bregenz

Dienstag, 1. Mai

Die Bemühungen großer Bregenzer Namen bleiben ungehört, die Klause wird nicht geräumt. Ab 4 Uhr werden die Stellungen am Pfänderhang angegriffen, ab 04:30 Bregenz beschossen, am Vormittag auch aus der Luft. Aus Angst, von den Franzosen eingekesselt zu werden, fallen die Verteidiger hinter die Bregenzer Ache zurück. Über Bregenz wehen weiße und rot-weiß-rote Fahnen. Eine vom Bregenzer Paul Pirker geführter Flankenangriff entdeckt den Rückzug. Um 11 Uhr werden die Achbrücken gesprengt. Vorarlberger versuchen, dies zu verhindern. In Lauterach bezahlen die Offiziere Anton Renz aus Bregenz und der Tiroler Helmut Falch einen solchen Versuch mit dem Leben. In Langenegg sterben sechs Zivilisten im Kampf gegen die SS.

Die Rathausstraße Bregenz am 1. Mai <span class="copyright">Stadtarchiv Bregenz</span>
Die Rathausstraße Bregenz am 1. Mai Stadtarchiv Bregenz

Am Mittag ist Bregenz besetzt. Mehr als 70 Häuser vollkommen zerstört, ganze Straßenzüge waren unbewohnbar und 195 Haushalte mit 700 Personen obdachlos. Kirchen und Lazarette scheinen bewusst geschont worden zu sein. Vier Bregenzer fielen dem Bombardement zum Opfer.

Die Bahnhofsstraße Bregenz und das zerstörte Hotel Europe. <span class="copyright">Stadtarchiv Bregenz</span>
Die Bahnhofsstraße Bregenz und das zerstörte Hotel Europe. Stadtarchiv Bregenz

Über Thal sichern die Franzosen noch Langen, Doren und Sulzberg.

Mittwoch, 2. Mai

Bei Kennelbach überqueren die Franzosen die Ache. Wolfurt, Lauterach und Dornbirn fallen kampflos. Da die Deutschen den Rhein als unüberwindbar einstuften, rechnete man in Vorarlberg lang mit einem Angriff über die Schweiz oder Luftlandungen im Rheintal. Daher war das Unterland eher zum Ried hin als zum Norden hin befestigt und daher nicht verteidigbar. Dornbiner besetzen den Sender bei der Senderbrücke und gehen am Abend auf Sendung. Bei Höchst wurden Kämpfe nur knapp verhindert, Lustenau wird kampflos übergeben.

SS leistet erst wieder am Landgraben zwischen Dornbirn und Hohenems Widerstand. Artillerie wird nach Lustenau verlegt, nach zwei Stunden ziehen sihc die Verteidiger zurück. Drei Häuser sind beschädigt, eines zerstört. Ein Landwirt ist gefallen, er wird vom späteren Landeshauptmann Ulrich Ilg geborgen.

Ein französischer Jagdpanzer vor dem Weißen Kreuz. <span class="copyright">Stadtarchiv Dornbirn</span>
Ein französischer Jagdpanzer vor dem Weißen Kreuz. Stadtarchiv Dornbirn

Wehrmacht und SS übernehmen die von den gemeuterten Standschützen verlassenen Stellungen bei Götzis und dem Kummenberg. Die Bevölkerung sucht Schutz, die französische Artillerie bei Lustenau schwenkt auf Götzis. Während der Maiandacht um 21:30 Uhr beginnt der Beschuss.

In Bludenz attackieren Widerstandskämpfer in der Nacht bei schwerem Schneegestöber die Kreisleitung der NSDAP, es kommen Panzerfäuste zum Einsatz. Die SS, die von anderen Widerstandskämpfern zum Abzug aus der Stadt überredet wurden, stolperten in den Überfall und schützten die Kreisleitung. Ein Widerstandskämpfer wie auch zwei Verteidiger fielen. Die SS konnte trotz dieses Zwischenfalls zum Abzug bewegt werden und besetzte am Donnerstag Bings. In Bludenz blieb ein SS-Trupp zur Sicherung der öffentlichen Ordnung zurück, die Stadt wurde aber faktisch eine freie Stadt.

Das Kleine Walsertal wird von den Franzosen besetzt.

Donnerstag, 3. Mai

Der Beschuss dauert die gesamte Nacht an. Elf Häuser sind vollständig zerstört, über 200 beschädigt. Fünf Zivilisten fanden in dieser Nacht den Tod, untertags entzünden sich durch die Sonneneinstrahlung der verwendete Phosphor. Die Verteidiger setzen sich Richtung Walgau ab. Sie entgehen so der Einkesselung, Rankweiler Standschützen führen die Franzosen über Mäder und Koblach nach Feldkirch. Die Deutschen geben daher die Stellungen in Rankweil und Feldkirch auf. Offizier Ewald Vonbun verhindert die Sprengung der Illbrücken, die Felsenaubrücke wird jedoch zerstört. Am Mittag wird Feldkirch als freie Stadt übergeben.

Französische Sherman-Panzer in Feldkirch.<span class="copyright"> Stadtarchiv Bregenz</span>
Französische Sherman-Panzer in Feldkirch. Stadtarchiv Bregenz

Freitag, 4. Mai

Improvisierte Stellungen bei Nüziders werden bezogen. Die Wehrmachtsverbände kämpfen mit Deserteuren und verlieren stark an Kampfstärke, im Gegensatz zur SS. Daher rücken die Kampfverbände schnell ins Klostertal ab. Bei der Tschalengabrücke gibt es ein einstündiges Gefecht zwischen Franzosen und Waffen-SS. Ab 16 Uhr treffen die Franzosen wieder auf Widerstand bei Bings. In den schweren Kämpfen starben fünf Bewohner, mehrere Gebäude wurden zerstört.

Bludenz beim Durchzug der Franzosen. <span class="copyright">Stadtarchiv Bregenz</span>
Bludenz beim Durchzug der Franzosen. Stadtarchiv Bregenz

Im Brandnertal wurde der ehemalige Außenminister des Dritten Reichs, Konstantin von Neurath, in dessem Landhaus festgenommen. Während er in französische Gefangenschaft geht, um später in Nürnberg vor Gericht gestellt zu werden, tötet sein Chaffeur durch Genickschüsse sowohl Frau von Neurath wie auch die beiden Kinder, die Mutter von Neurath und eine Rotkreuzschwester, bevor er sich selbst richtet.

Samstag, 5. Mai

Die Deutschen verteidigen jeden Ort, um Zeit für die Evakuierung durch den Arlbertunnel zu erkaufen. Der Pass ist durch eine Lawine verlegt. Die Engelsbrücke wird gesprengt. Französische Artillerie und Flak decken die Berghänge mit Feuer ein, um die Deutschen aus ihren Stellungen zu vertreiben. Die 1. Armee dringt bis Dalaas vor, welches erst in den Nachtstunden aufgegeben wird.

Französische Artilleriebeobachter im Klostertal. <span class="copyright">Stadtarchiv Bregenz</span>
Französische Artilleriebeobachter im Klostertal. Stadtarchiv Bregenz

Über Bregenz und Riefensberg werden auch der Vordere und Mittlere Bregenzerwald besetzt, über das Kleinwalsertal auch Krumbach und Warth.

Sonntag, 6. Mai

Die Franzosen dringen bis nach Langen am Arlberg vor, nachdem in der Nacht die letzten Kampfverbände des Dritten Reichs den Tunnel passierten. Die Straßen zum Arlberg sind mit zahlreichen aufgegebenen Fahrzeugen versperrt, der Tunnel selbst blockiert.

Die Deutschen lassen zahlreiche Fahrzeuge zurück. <span class="copyright">Stadtarchiv Bregenz</span>
Die Deutschen lassen zahlreiche Fahrzeuge zurück. Stadtarchiv Bregenz

Währenddessen rücken die Amerikaner, die von Bayern aus Tirol eroberten, auf St. Anton zu, um die dortigen Wehrmachtsverbände festzusetzen, hielten jedoch in St. Jakob. Über den Tannberg führen Bregenzerwälder Franzosen aus Mittelberg nach St. Anton, die hier die Gemeinde aus den Händen der Einheimischen übernahmen. Am Montag war auch der Arlbergtunnel wieder passierbar für die französischen Panzer. Stuben wurde erst am Montagnachmittag besetzt und Marokkaner für die Straßenräumung eingeteilt.

Kriegsende 1945: Franzosen am Arlberg im Mai 1945
Kriegsende 1945: Franzosen am Arlberg im Mai 1945