Jürgen: “Hätte nie gedacht, dass ich einmal so tief falle”

Vorarlberg / 21.04.2020 • 14:00 Uhr
Jürgen freut sich, dass ihm Tischlein deck dich während der Coronavirus-Pandemie die Lebensmittel zustellt. Der Bregenzer wüsste nicht, wie er ohne diese Lebensmittelspenden überleben könnte.
Jürgen freut sich, dass ihm Tischlein deck dich während der Coronavirus-Pandemie die Lebensmittel zustellt. Der Bregenzer wüsste nicht, wie er ohne diese Lebensmittelspenden überleben könnte.

Jürgen (50) brächte sich ohne die Hilfe von Tischlein deck dich nicht durch.

Bregenz/Vandans Jürgen (50) müsste auf die Straße betteln gehen, wenn es den Verein Tischlein deck dich nicht gäbe, der seit 15 Jahren Bedürftige in Vorarlberg kostenlos mit Lebensmitteln versorgt. Dem Sozialhilfeempfänger bleibt monatlich 127 Euro zum Leben. Sich mit so wenig Geld durchzubringen, ist schwer. „Anfangs war ich mit der Situation überfordert. Aber mit der Zeit lernt man es.“

Früher gehörte Jürgen einer gehobenen Schicht an. Der Bregenzer war selbstständig, leitete eine gutgehende Firma mit 12 Angestellten. Als er an Krebs erkrankte und mehrere Bandscheibenvorfälle erlitt, geriet sein Leben in eine Abwärtsspirale. „Aus gesundheitlichen Gründen konnte ich nicht mehr so viel Gas geben. Und dann stand ich auf einmal vor dem Nichts.“

Als es ihm wirtschaftlich gut ging, habe er hundert Freunde gehabt, sagt er. Heute habe er nur mehr eine Handvoll Freunde. Auf diese kann er aber zählen. „Sie laden mich hin und wieder zum Essen und ins Café ein.“

“Ich habe nicht Lepra, sondern nur einen finanziellen Engpass.”

Jürgen, Kunde von Tischlein deck dich

Der soziale Abstieg ging mit gesellschaftlicher Ausgrenzung einher. „Du bist nicht mehr das wert, was du vorher wert warst. Für die Gesellschaft bist du ein Aussätziger. Ich habe aber nicht Lepra, sondern nur einen finanziellen Engpass.“ Und der soll, wenn es nach Jürgen geht, bald der Vergangenheit angehören. Denn: „Sobald ich mich vom Herzinfarkt erholt habe, möchte ich wieder arbeiten gehen. Am liebsten würde ich in einem helfenden Beruf tätig sein, vielleicht in der Pflege.“

Obwohl er mittellos ist, scheute er sich lange, die Hilfe von Tischlein deck dich in Anspruch zu nehmen. „Ich konnte mich nicht überwinden, an eine Lebensmittel-Ausgabestelle zu gehen, weil ich mich brutal schämte.“  Anfangs lieh er sich bei seinen Freunden Geld aus. Aber auf Dauer war das keine Lösung. Vor neun Monaten reihte er sich zum ersten Mal in die Schlange von Menschen ein, die beim Kloster Mehrerau um Lebensmittel anstanden. „Davor heulte ich drei Stunden aus lauter Scham und Verzweiflung.“

Stolz über Bord geworfen

Zunächst kam er sich vor, als ob er in einem falschen Film wäre. „Früher ging ich ins Burgrestaurant am Gebhardsberg essen. Und jetzt stand ich mit einem Nylonsack da und wartete darauf, dass man mir Lebensmittel schenkt. Ich hätte nie gedacht, dass man so tief fallen kann und dass ich je auf diese Hilfe angewiesen sein würde .“ Aber danach war er froh, dass er seinen Stolz über Bord geworfen hatte. Denn Elmar Stüttler und sein Team hatten ihn nicht wie einen Bittsteller behandelt, sondern ihm ganz viel Wertschätzung entgegengebracht. „Die Helfer haben mich als Mensch gesehen. Die haben keine Vorurteile und behandeln alle Menschen gleich.“

Seither freut sich Jürgen auf die Freitage, „weil ich da die kleine Familie von Tischlein deck dich treffen kann, die ganz viel leistet“. Dass der Verein seine Tätigkeit auch während der Coronavirus- Pandemie nicht eingestellt hat und jetzt die Lebensmittel den Bedürftigen sogar zustellt – pro Tag insgesamt rund 500 Kisten  – rechnet der vom Schicksal schwer gebeutelte Mann dem Verein hoch an. Denn: „Ich hätte nicht gewusst, wie ich ohne Tischlein deck überleben hätte können.“  Die Hilfseinrichtung sei für notleidende Menschen wie ihn unverzichtbar. „Deshalb ist es das Sinnvollste, was es gibt, wenn man diesen Verein mit Spenden unterstützt.“

Tischlein deck dich finanziert sich selbst und ist auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. Laut Elmar Stüttler ist die finanzielle Situation des Vereins derzeit angespannt. „Wir brauchen dringend Spenden, damit wir weitermachen können. Denn zu Weihnachten wurde leider nicht so viel gespendet.“  

Pro Jahr bewahrt seine Organisation rund 12.000 Tonnen Lebensmittel vor dem Entsorgen und verteilt diese an 2000 Bedürftige. Vor 15 Jahren rief der Diakon aus Vandans den Verein ins Leben, „weil ich meinen Glauben in die Tat umsetzen und etwas machen wollte, das sinnstiftend ist“. Sein Engagement ist beinahe grenzenlos. Das kann man daran ablesen, dass er in all den Jahren keinen einzigen Tag ausfiel und sich zwölf Jahre lang keinen Urlaub gönnte.

<p class="caption">Elmar Stüttler freut sich sehr über Spenden für Tischlein deck dich.</p>

Elmar Stüttler freut sich sehr über Spenden für Tischlein deck dich.

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