Kleinwalsertaler klagen: „Wir sind hier eingesperrt“

Bürger fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Grenzöffnung gefordert.
Mittelberg Seit knapp 30 Tagen sind die Grenzen dicht. Am 16. März startete Deutschland mit den Kontrollen, am 19. März zog Österreich nach. Durchgelassen wird nur, wer einen triftigen Grund hat, also Pendler, Gewerbetreibende, Lkw-Fahrer oder weil es medizinisch notwendig ist. Ursprünglich waren die Kontrollen bis zum 14. April vorgesehen, in dieser Woche wurden sie von Deutschland bis zum 4. Mai verlängert. Für das Kleinwalsertal bedeutet das, Stand heute, weitere 18 Tage in Defacto-Quarantäne, obwohl es keinen Coronafall gibt. „Vor vier Wochen waren die Kontrollen richtig, weil die Brisanz hoch war. Doch dann hatten wir nur zwei positive Fälle. Diese zwei Personen sind mittlerweile wieder genesen. Wir waren auch kein Hotspot“, schildert Bürgermeister Andi Haid. Das Unverständnis in der Bevölkerung sei groß. „Wir sind hier eingesperrt“, unterstreicht VN-Leser Walter, der, um keinen Wirbel zu machen, seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.
Politisch-geografische Kuriosität
Das Kleinwalsertal ist aus mehrerlei Hinsicht besonders. Es gehört politisch zu Vorarlberg, ist aber nur von Deutschland aus erreichbar. Seit 1891 ist die Region Zollausschlussgebiet und somit deutsches Wirtschaftsgebiet. Durch diese Kuriosität trifft die Bürger die Grenzschließung besonders hart. Während in Vorarlberg das öffentliche Leben wieder hochgefahren wird, kommen die Kleinwalsertaler nicht aus ihrer Enklave heraus. „Die Grenze ist für uns ein großes Hindernis. Die Bevölkerung muss ins Allgäu. Daher ist es notwendig, dass wir vonseiten des Landes auch die Unterstützung bekommen“, betont Haid. Die Lebensmittelversorgung im Tal sei zwar sehr gut, aber es gäbe ganz viele Dinge, die die Bürger nur über der Grenze besorgen könnten. Auch viele Schüler, die außerhalb des Tals zur Schule gehen, sind betroffen. “In Vorarlberg sind Schüler als Pendler deklariert, in Deutschland nicht”, erläutert Haid. Sollte keine Lösung gefunden werden, wäre das laut Bürgermeister auch ein “wirtschaftlicher Totalschaden. Da geht es an die Existenzen von mehr oder weniger der ganzen Talschaft”. Das Kleinwalsertal ist eine der größten Tourismusdestinationen Österreichs. Die meisten Gäste kommen aus Deutschland.
Das Komische sei, sagt VN-Leser Walter, dass die Pendler, die oft mit Hunderten nicht getesteten Personen zusammenarbeiteten, ungehindert ein- und ausfahren können. “Aber wenn ich Medikamente im Allgäu holen muss, dann braucht es eine ellenlange Zettelwirtschaft. Fast alle Geschäfte sind im Allgäu. Überall in Vorarlberg ist alles frei und wir hängen hier herinnen. Das Kleinwalsertal wird einfach nie erwähnt”, bedauert er.