Vorarlberger kämpft in Indien ums Überleben

Vorarlberg / 07.04.2020 • 12:00 Uhr
Vorarlberger kämpft in Indien ums Überleben
Aus dieser Quelle versorgen sich Helmut Brunner und seine Leidensgenossen derzeit mit Wasser. PRIVAT

Kaum Wasser, kaum Essen, keine Unterkunft: Verzweifelter Hilfeschrei eines Dornbirners.

Gokarna, Dornbirn Helmut Brunner (55) ist ein Abenteurer. In den Wintermonaten arbeitet er als Skilehrer in Gargellen. Den Rest des Jahres ist er unterwegs. Dieses Mal sollte es Indien sein. Seit November befindet sich der Dornbirner an der Half Moon Beach bei Gokarna. Der Strand liegt rund 170 Kilometer unterhalb von Goa und ist nur zu Fuß erreichbar. Bis vor Kurzem war die Gegend ein Backpacker-Paradies. Mit der Coronapandemie ist der Aufenthalt für Helmut Brunner und andere Europäer allerdings zu einem offenbar ausweglosen Albtraum geworden.

Indien hat am 24. März eine dreiwöchige Ausgangssperre verhängt. Gegen alle, die sich nicht daran halten, gehen die Sicherheitskräfte mit teils roher Gewalt vor. Die Bundesstaaten haben ihre Grenzen geschlossen. Züge, Busse oder Rikschas fahren nicht. Alle Inlands- und Auslandsflüge wurden gestrichen. Der Vorarlberger hat sich bereits an das Außenministerium gewandt. Seine Schwester und seine Nichte in Dornbirn stehen seit dem 23. März mit der österreichischen Botschaft in Indien in Kontakt. Bislang ohne Erfolg. “Wir stecken immer noch fest. Da die Grenzen zu sind, es ist für uns unmöglich, den Flughafen in Goa zu erreichen”, erzählt der 55-Jährige den VN am Telefon.

Wilde Tiere

Nachdem die Regierung die Meldung rausgegeben hat, dass keine Unterkünfte mehr an Touristen vermieten werden dürfen, schlafen Helmut Brunner und seine Leidensgenossen im Freien. “Wir waren zunächst im Dschungel, sind jetzt aber weiter runter an den Strand gezogen. Dadurch, dass keine Leute mehr an den Stränden sind, kommen die Tiere wie Schlangen oder der Leopard, der hier herumstreift, wieder weiter herunter”, schildert er. Da sie nirgends mehr registriert sind, sind sie praktisch illegal im Land.  

Ein Inder versorgt die knapp zehn Touristen, darunter auch zwei Kinder im Alter von elf und zwölf Jahren, mit etwas Reis. Mit dem Wasser werde es jetzt aber langsam knapp. Die Quelle, die sie im Dschungel entdeckt haben, ist salzig. “Wir probieren, das Wasser so gut wie möglich abzukochen, es hat aber immer ein bisschen einen salzigen Nachgeschmack, daher können wir nicht viel trinken.” Das nächste größere Dorf ist gute zwei Stunden Fußmarsch entfernt. Dort würden Frauen von sieben bis neun Uhr ihr Gemüse verkaufen. “Aber mehr gibt es dort nicht und wir sind immer die letzten, die drankommen, wenn es dann überhaupt noch etwas gibt. Die Solidarität kippt langsam, weil die Einheimischen selber auch nichts mehr zu essen haben”, beschreibt Brunner. 

Leute kränkeln

Der tägliche Kampf ums Überleben zehrt am Körper. Der Hunger quält. Die ersten  fingen bereits an zu kränkeln. Ein weiterer Österreicher könne keine 50 Meter mehr gehen, “ohne dass er eine halbe Stunde dafür braucht”. Hinzu kommen die extremen Temperaturen von rund 40 Grad. Im Laufe der nächsten zwei Wochen wird außerdem ein heftiger Sturm erwartet. Die Verzweiflung steigt von Tag zu Tag. “Wir sind langsam dran uns eine Höhle zu suchen, damit wir vor dem Unwetter geschützt sind. Wir wissen ja nicht, wann wir wegkommen. Es ist eine furchtbare Situation.”