Experte: Dunkelziffer viel, viel höher

IHS geht davon aus, dass es in Wirklichkeit 40 Mal mehr Infizierte gibt.
WIEN Wie viele COVID-19-Infizierte gibt es? Offiziell werden ausschließlich bestätigte Fälle ausgewiesen. Die Dunkelziffer dürfte jedoch viel, viel höher sein. Der Mediziner Armin Fidler hat in den VN bereits die Faustregel „bestätigte Fälle mal 20“ ausgegeben, aber gleichzeitig erklärt, dass es sich dabei nur um eine grobe Schätzung handelt. Der Gesundheitsexperte Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) widerspricht der Zahl nicht; ganz im Gegenteil, nach einer eingehenden Untersuchung der Materie kommt er zu einem noch größeren Faktor.
Druck könnte steigen
Klar, man könnte einwenden, dass das jetzt nur eine Geschichte für Zahlenfreunde ist, oder Panikmache. Czypionka erläutert im Gespräch mit den VN jedoch, dass es um sehr ernste Schlussfolgerungen geht. Beispiel: Die bestätigten Fälle nehmen zwar stark zu, bewegen sich gemessen an der Gesamtbevölkerung aber noch immer im Promillebereich. „Daraus könnte man ableiten, dass das Virus eh ungefährlich sei. Und dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass man einer infizierten Person begegnet, wenn man rausgeht. Im Übrigen könnte der Druck auf die Regierung steigen, die Maßnahmen, die sie gesetzt hat, zu lockern.“ All das wäre verhängnisvoll. In Wirklichkeit sind fix mehr Menschen infiziert als die Statistik besagt. Czypionka nennt zwei Gründe dafür. Erstens: Von der Übertragung des Virus bis zu den ersten Krankheitssymptomen vergehen im Schnitt fünf bis sechs Tage. Bis die Symptome so stark sind, dass die Betroffenen die Gesundheitsnummer 1450 wählen, verstreicht weitere Zeit. Bis ein Abstrich genommen wird und ein Testergebnis vorliegt, noch einmal mehr. Alles in allem dauert es laut Czypionka neun bis zehn Tage, bis ein offizieller Infektionsfall zustande gekommen ist. Sprich: Die Statistik hinkt stets ebenso lange hinterher.
Viele nie erfasst
Das ist das eine. Das andere: Es gibt viele schwere, aber noch mehr milde Krankheitsverläufe. „Menschen mit milden Verläufen kommen nicht auf die Idee, einen Test zu verlangen. Sie kommen auch nicht in Kontakt mit dem Gesundheitswesen“, so der Experte: Sie werden nie erfasst.
Menschen mit milden Verläufen kommen nicht auf die Idee, einen Test zu verlangen.
Thomas Czypionka, Institut für Höhere Studien
Am IHS ist das Ganze auf der Basis der Daten vom 17. März durchgerechnet worden. Damals gab es österreichweit 1332 offiziell bestätigte Infektionsfälle. Unter Berücksichtigung der stets um neun bis zehn Tage überholten Statistik und der milden, unbemerkten Krankheitsverläufe kommen für diesen Tag 54.500 Infektionsfälle heraus; beziehungsweise eine Dunkelziffer, die 40 Mal höher ist.
Testen, testen, testen, lautet eine Antwort von Thomas Czypionka: „Vorarlberg baut die Kapazitäten aus. Das ist das, was wir dringend brauchen.“ Grund: Man muss wissen, wer positiv ist. Wer positiv ist, trägt das Virus in sich und damit auch weiter. Zumal es jedoch kaum möglich ist, alle Menschen zu testen, fordert Czypionka, eine Gruppe herauszugreifen, die repräsentativ ist für die Gesamtbevölkerung. Dann wüsste man, wie groß der Handlungsbedarf wirklich ist.