Klimaexperte zu Corona: “Krise als Chance sehen”

Vorarlberg / 21.03.2020 • 16:00 Uhr
Mathias Kirchner ist Experte für Klimawandelökonomie an der BOKU in Wien.
Mathias Kirchner ist Experte für Klimawandelökonomie an der BOKU in Wien.

Klimaexperte Mathias Kirchner erklärt im Gespräch mit den VN, welche Folgen die Pandemie für Umwelt und Klima haben könnte.

Wien, Bregenz Bars und Cafés sind dicht, Straßen und Einkaufszentren leer, der Flugverkehr wurde drastisch eingeschränkt. Gehen Umwelt und Klima am Ende als die Gewinner der weltweiten Pandemie hervor? Noch ist schwer vorhersehbar, welche Auswirkungen die Ausbreitung des Coronavirus auf unser Klima hat. Klimaexperte Mathias Kirchner (34) vom Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der BOKU in Wien gibt seine Einschätzung ab.

Derzeit hält sich ein Großteil der Bevölkerung in den eigenen vier Wänden auf. Was könnte das für das österreichische, aber auch weltweite Klima bedeuten?

Da der Großteil unserer wirtschaftlichen und Freizeitaktivitäten mit dem Ausstoß von fossilen Rohstoffen zu tun hat, wirkt sich das zumindest kurzfristig positiv auf die aktuellen CO2-Emissionen aus. Es gibt weniger Pendler mit dem Auto, weniger bzw. keine Flugreisen mehr und einen geringeren Energieverbrauch durch die Reduktion der Produktion. Ganz allgemein bedeutet eine Wirtschaftskrise weniger CO2-Emissionen, da es einen starken Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Aktivität und CO2-Emissionen gibt.

Die CO2-Emissionen in China sinken. Ist das nur ein vorübergehender Effekt oder kann das nachhaltig sein?

In China gingen die Emissionen in einer ersten Schätzung um 25 Prozent zurück, was schon einen sehr gewaltigen Einbruch darstellt. In Italien ergibt sich gerade ein ähnliches Bild und damit wohl bald auch in Österreich und anderen Ländern. Sollten die Einschränkungen und die damit einhergehende Reduktion von wirtschaftlicher Aktivität weiter andauern, dann bleibt der Effekt zumindest 2020 mit Blick auf die CO2-Emissionen “positiv”, sie werden also zurückgehen – zum ersten Mal seit der globalen Wirtschaftskrise 2008.

Können Natur und Umwelt jetzt also aufatmen?

Das wird davon abhängen, ob wir diese große Krise auch als Chance nutzen, um die notwendige Transformation für eine klimaneutrale Gesellschaft zu beschleunigen. Das klingt vielleicht verwegen, da jetzt gerade alle Hände voll zu tun sind, um diese Notsituation zu meistern. Man darf aber nicht vergessen, dass die mittel- und langfristigen Auswirkungen des Klimawandels viel verheerender ausfallen werden, als die des Coronavirus. Nur sind diese schleichender und in ferner Zukunft, und daher mental nicht so gut zu fassen wie die des Virus, den man quasi durch Isolation aushungern kann. Die Geschichte hat gezeigt, dass vergangene Wirtschaftskrisen, wie die 2008, mittelfristig oft das Gegenteil bewirken. Die Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft führen dann später zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum als zuvor und machen die Einsparung in der Vergangenheit wieder zunichte. Da das Coronavirus aber keine typische Wirtschaftskrise ist, kann man wohl hier keinen 1:1 Vergleich ziehen. Es könnten also durchaus – auch ohne politische Unterstützung- strukturelle Änderungen verbleiben, die sich positiv auf das Klima auswirken, z.B. mit Home-Office und mehr virtuellen Meetings.

Im Netz kursieren Bilder von glasklaren Kanälen in Venedig. Ist das eine direkte Folge der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus?

Ich vermute stark, dass dies kurzfristig mit der Reduktion des Aufwirbelns von Schlamm durch die Boote zu tun hat. Das hat sicher positive Umwelteffekte, wird aber beim ersten Anzeichen von Bootsaktivität wohl wieder verschwinden. Mit dem Klimawandel hat das nichts zu tun.

Kann man in Österreich schon Auswirkungen spüren?

Nein, dafür ist die Zeitverzögerung der CO2-Emissionen zu lange. Die verweilen bis zu 100 Jahre in der Atmosphäre. Wir spüren jetzt die Auswirkungen der historischen CO2-Emissionen von der industriellen Revolution bis zu denen vor ein paar Jahrzehnten. Heißt: Selbst wenn wir jetzt die Emissionen komplett auf null runter- schrauben, wird sich das Klima in den nächsten Jahrzehnten noch verschlechtern. Daher sprechen wir auch meistens von einem CO2-Budget, d.h. es ist die Summe der historischen Emissionen seit der Industrialisierung, die den Temperaturanstieg auf der Erde beeinflussen, und da bleibt uns nicht mehr viel übrig, um das Paris-Ziel zu erreichen. ( Anm.: Minus 50 Prozen der jährlichen Emissionen bis 2030 und Minus 100 Prozent im Jahr 2040.) Der Rückgang der Emissionen jetzt gibt uns vielleicht eine minimale Atempause – viel optimistischer ist da der Wille zur Veränderung und das derzeitige “Window of Opportunity”.

Wie ist Ihre Einschätzung zu den drastischen Maßnahmen der Regierung?

Positiv zu sehen ist auf jeden Fall, wie konsequent wir Österreicher auf eine große Krise reagieren, obwohl große Einbußen damit verbunden sind. Das stimmt sehr optimistisch für die Bewältigung der Klimakrise. Menschen sind gewillt ihre Lebensumstände anzupassen, wenn es eng wird. Unsere Regierung hätte also die Chance, ihre wirtschaftlichen Hilfsgelder ebenfalls dazu zu nützen, eine lokalere, widerstandsfähigere CO2-arme Wirtschaft auszubauen, also quasi ihr Klimaschutzprogramm mit diesen Geldern zu erhöhen. Da diese Investitionen so gut wie immer mit Zuwächsen an Arbeitsplätzen einhergehen, wäre das wirklich eine tolle Win-win-Situation.