Experte warnt: Dunkelziffer im Land könnte schon bei 1200 Infizierten liegen

Vorarlberg / 16.03.2020 • 16:00 Uhr
Experte warnt: Dunkelziffer im Land könnte schon bei 1200 Infizierten liegen
Armin Fidler wird einmal am Tag für die VN-Leserinnen und -Leser die wichtigsten Fragen beantworten. VN/LERCH

Eine grobe Schätzung, die man ernst nehmen müsse, lautet: aktuelle Fälle mal 20.

Schwarzach Wie viel Menschen in Vorarlberg sind erkrankt? Das ist schwer zu sagen. Laut offiziellen Zahlen waren es gestern Abend 56. Das Problem: Das sind die positiv Getesteten. Viele wissen gar nicht, dass sie infiziert sind. Armin Fidler, Virologe am MCI Innsbruck und früherer Experte für die WHO und die Weltbank, sagt im VN-Gespräch: Schon 1200 Vorarlberger könnten infiziert sein. Er rät dennoch zu Spaziergängen und appelliert, das Rauchen aufzuhören. Fidler steht ab sofort den VN-Leserinnen und -Lesern zur Verfügung. Schicken Sie Ihre Fragen zum Virus per WhatsApp oder SMS an 0676 88005 533. Wir sammeln die Fragen in der Redaktion, Armin Fidler beantwortet sie jeweils am Nachmittag oder Abend.

Die Landesregierung konnte am Sonntag keine Dunkelziffer nennen. Was sagt die internationale Erfahrung? Wie hoch ist die Dunkelziffer an infizierten Menschen im Land?

Basierend auf den Erfahrungen, die wir in China oder Italien und anderen Ländern gesammelt haben, muss man wahrscheinlich die bestehende Fallzahl mal 20 rechnen. Das ist eine grobe Schätzung, gibt aber die ungefähre Größenordnung wieder. Bei circa 60 Fällen in Vorarlberg muss man bei den Planungen zumindest von circa 1200 Infizierten ausgehen, die möglicherweise noch nichts davon wissen. Das muss man ernst nehmen und erklärt die Maßnahmen, die wir haben.

Das heißt, man muss im Haus bleiben? Oder kann man an die frische Luft?

Als Einzelperson ist es sogar gut, wenn man draußen ist. Vom virologischen Standpunkt gesehen soll man sogar viel rausgehen. Das Virus kann draußen kaum überleben. Sonnenlicht und frische Luft sind etwas Positives. Das Problem sind Menschenhäufungen. Wenn man die soziale Distanz wahrt und zwei Meter Abstand hält, ist es kein Problem.

Die Bundesregierung schließt sogar Spielplätze. Also darf man nicht überall hin?

Genau. Im Wald oder auf der Wiese zu spielen ist kein Problem, wenn man in der Lage ist, die soziale Distanz zu wahren. Das gilt auch für Kinder. Sie sind zwar vielleicht nicht krank, funktionieren aber als Überträger. Ein Kind greift verschiedene Dinge an, dann die Eltern, diese sich ins Gesicht. Das sind Schmierinfektionen. Darum ergibt Social Distancing Sinn.

Wie lange überlebt das Virus an Oberflächen, zum Beispiel auf Spielplätzen?

Es gibt verschiedene Berichte dazu. Ein Virus kann zumindest stundenlang, unter bestimmten Voraussetzungen auch tagelang auf Oberflächen überleben. Darum muss man ja in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einkaufen aufpassen. Ich würde nicht unbedenklich einen Einkaufswagen in die Hand nehmen.

Reicht eine kurze Berührung?

Natürlich.

In Deutschland wird der Pneumokokken-Impfstoff knapp. Wie wichtig ist es, dass man geimpft ist?

Für ältere Menschen ist es besonders wichtig. Es kann passieren, dass zu einer viralen Lungenentzündung noch eine bakterielle hinzukommt. Also man ist durch das Virus vorgeschädigt, dann kommt noch etwas Bakterielles dazu, häufig sind das Pneumokokken. Das hat mit Covid-19 aber nichts zu tun. Man sollte sich ohnehin impfen lassen, wie man sich auch ohnehin gegen Grippe impfen lassen sollte. Ältere Menschen über 50 sollten jedenfalls noch schauen, falls es möglich ist, sich gegen Pneumokokken zu impfen.

Sterben Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, meistens an Pneumokokken?

Nein, nicht unbedingt. Da haben wir immer noch Antibiotika. Die Leute, die an Corona sterben, sterben oft an einer viralen Pneumonie und an Multiorganversagen. Wichtig ist: Das hat mit der Herz- und Lungengesundheit zu tun. Die Leute, die sterben, tun das nicht unbedingt, weil sie alt oder immunsuppressiv sind. Sondern weil ihr Herz-Lungen-System eine Lungenentzündung nicht übersteht. Da sind speziell Raucher gefährdet. Derzeit sollte man sich überlegen, ob man noch weiterraucht.