Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Da schau mal, eine Corona-Hysterikerin!

Vorarlberg / 10.03.2020 • 07:00 Uhr

Am Samstag habe ich in einem großen Baumarkt in Niederösterreich so einen dünnen, weißen Schutzoverall und eine Dreier-Packung Schutzmasken gekauft, und ich habe mich an der Kassa beim Bezahlen ordentlich geniert, vor den Leuten vor und hinter mir, die sich fix dachten: Da, schau dir die Corona-Hysterikerin an, wie peinlich, dabei sind das nur Masken FFP1, die schützen nicht mal! Und ich hätte gern allen direkt erzählt, dass diese Dinge deshalb in meinem Einkaufkauswagen liegen, weil ich einen staubigen Waldviertler Dachboden ausräumen muss, den ich seit – warten Sie – ziemlich genau sieben Jahren nicht mehr betreten habe, tatsächlich habe ich nicht einmal die Tür geöffnet, weil ich dahinter knöcheltief Fledermauskot, Tausende Spinnen und Generationen von toten, vertrockneten Mäusefamilien befürchte. Deshalb der Anzug, deshalb die Maske. Das habe ich natürlich nicht gesagt, ich ging stattdessen zu meinem Auto, gebeugt von Schmach und einem 20-Liter-Sack Bio-Tomaten-Erde, fuhr von dannen und traute mich dann trotz Schutzausrüstung nicht, die Dachbodentür zu öffnen. Vielleicht nächstes Wochenende. Oder übernächstes.

„Ich habe tatsächlich noch kaum jemanden mit Maske gesehen, auch nicht in der vollen U-Bahn.“

Ich mache keine Corona-Witze, dafür ist die Lage zu ernst. Und zu überwältigend neu: Mehr als 16 Millionen Menschen in Italien in Quarantäne, die Leipziger Buchmesse und andere Großereignisse abgesagt: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich so etwas in so einem Ausmaß schon einmal erlebt habe. In Wien wirken die Leute für eine Großstadt erstaunlich gelassen: Ich habe tatsächlich noch kaum jemanden mit Maske gesehen, auch nicht in der vollen U-Bahn. Die Leerstellen in den Supermarkt-Regalen sind überschaubar und unspektakulär: Obwohl, halt, in dem Supermarkt in meiner Nähe gab’s kein Bio-Dinkel-Vollkornmehl mehr, das hat mich ein bisschen überrascht. Und auf dem runden Geburtstag eines Freundes, zu dem ich eingeladen war, haben sich alle umarmt wie immer, auch die Medizinerinnen und Mediziner unter den Gästen. Die Wiener fühlen sich offenbar gut gegen den Virus gewappnet, was sicher auch damit zu tun hat, dass das Gesundheitssystem gut funktioniert, vorbereitet wirkt und mit einer gewissen Gelassenheit agiert.

Auch ich habe keine Vorräte für uns gekauft, in erster Linie weil wir immer genug Vorräte im Schrank haben, nur falls mal ein Dutzend Teenager für zwei oder drei Wochen bei uns einziehen sollte, oder ich weiß nicht genau, warum. Ich wasche nur öfter die Hände und halte den Rest meiner wenig besorgten Familie ebenfalls dazu an. Die hofft im Geheimen, dass, falls Schulen geschlossen werden, dann bitte ihre darunter sein möge. Ich hoffe, es geht auch sonst allen gut. Waschen Sie sich die Hände, bleiben Sie gesund.

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.