Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

In Zeiten des Virus

Vorarlberg / 05.03.2020 • 07:30 Uhr

Ist es ein Zufall? Seit einigen Wochen stolpere ich immer mehr über die Redewendung „going viral“. Inzwischen gibt es diese auch hässlich eingedeutscht – etwa: „viral gehen“. Das bedeutet: geht eine Botschaft oder ein Video im Internet oder den Sozialen Medien „viral“ verbreitet es sich rasch und bald millionenfach – wie ein Virus eben. Hat das etwas mit dem Coronavirus zu tun?
Vor eineinhalb Jahren habe ich wie bereits erwähnt, drei Wochen auf der inzwischen weltbekannten „Diamond Princess“ verbracht und mich damals angeregt mit dem Kapitän, Gennaro Arma, unterhalten. Einer maritimen Tradition folgend, ist er Anfang Woche als Letzter von Bord gegangen, von der Reederei und der italienischen Regierung zu Recht als Held gefeiert. Aber sein in Yokohama isoliertes Schiff war zu einer Brutstätte des Virus geworden: Mindestens 700 der 3700 Personen an Bord haben sich infiziert, fünf Passagiere sind bis jetzt an SARS-CoV-2 gestorben.
Vorletzte Woche habe ich mich in Venedig und Mailand aufgehalten. In der Lagunenstadt wurde bei strahlender Sonne der Karneval gefeiert, doch fast wie in Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ lastete über der „Serenissima“ bereits das drohende Unheil: Der Karneval wurde am 23. Februar behördlich abgebrochen. Jetzt sind Gässchen und Plätze leergefegt. Selbst die Helden flüchten: Der Action-Hero Tom Cruise hätte hier die neue Folge von „Mission Impossible“ drehen sollen. Er ist Hals über Kopf abgereist; Paramount Pictures suchen nach einem neuen Drehort.

Das Schreckgespenst ,overtourism‘ ist so schnell verschwunden wie es aufgetaucht war.

Von Venedig reiste ich nach Mailand, an die „Scala“, zur Rossini-Première, ohne zu ahnen, dass dies bis auf weiteres die letzte Vorstellung sein sollte: Das weltberühmte Haus schloss am Tag darauf seine Tore. Jetzt hätte der gigantische Engadiner Skilanglaufmarathon mit ca. 13.000 Teilnehmern stattfinden sollen. Er wurde von der Schweizer Regierung verboten. Auch meine Reise nach Basel war vom Virus überschattet: Die Basler Fasnacht, der die ganze Stadt ein Jahr lang entgegenfiebert: kurzfristig abgesagt. Zurück blieb hier eine depressive und stellenweise aggressive Stimmung, in der sich eine Handvoll aufmüpfiger Fasnachtsrebellen mit kostümierten Bänkelsängern tief unten in verschwiegenen Kellerlokalen und ein tapferer Piccolo-Spieler auf der mitternächtlichen Rheinbrücke über das behördliche Verbot hinwegsetzten. Im nahen Straßburg, das sonst zu dieser Zeit von Touristen wimmelt, sind Straßen und Restaurants leer. Rom beispielsweise meldet 90 Prozent Buchungsstornierungen. Das Schreckgespenst „overtourism“ ist so schnell verschwunden wie es aufgetaucht war. Dafür herrschen jetzt weltweit die Gespenster der Angst und Unsicherheit.

Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien)