Längere Sommer, kürzere Winter

Die Vegetationsperiode dehnt sich aus: Die Fichte ist auf dem Rückzug, neue Baumarten sind gefragt.
SCHWARZACH Gerade in Vorarlberg hat man in der Vergangenheit von einem Sommer- und einem Winterhalbjahr reden können: Die Vegetationsperiode, also die Zeit, in der es blüht und gedeiht, betrug 1971 bis 2000 durchschnittlich 184 Tage; das entspricht ziemlich genau einem halben Jahr. Doch das ist Geschichte. Die Periode dehnt sich aus. Sie beginnt mit den ersten sechs Tagen, an denen die mittlere Temperatur hintereinander mehr als fünf Grad beträgt und endet mit den ersten sechs Tagen, an denen sie darunter fällt.

Klimaszenario
In den „Klimaszenarien ÖKS15“ erwarten Experten für Vorarlberg, dass die Vegetationsperiode in den Jahren 2021 bis 2050 durchschnittlich 202 Tage dauern wird. Aber nur, wenn ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden. Geht’s weiter wie bisher, könnte es sich um 205 Tage handeln. Und gegen Ende des Jahrhunderts überhaupt um 248. Das wären um zwei Monate mehr als in der Vergangenheit bzw. zwei Drittel des Jahres.
Was sich nach theoretischer Zukunftsmusik anhört, ist bereits messbar, wie Annemarie Lexer von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) bestätigt: „Es beginnt immer früher zu blühen und geht etwas länger in den Herbst hinein.“ Unterm Strich ist die Periode schon um zwei Wochen gewachsen. Im Durchschnitt, wohlgemerkt. Heuer könnte es sich aufgrund des extrem milden Winters um etwas mehr handeln.
Dass sich die Vegetationsperiode ausdehnt, mag erfreulich klingen. Das Problem ist jedoch, dass es zwar weiter blüht, aber nicht unbedingt bis zum Ende gedeiht. Die Sommer werden schließlich trockener und heißer und das setzt der Pflanzenwelt zu.
Was das bedeutet, wird längst erforscht. Manfred Lexer beschäftigt sich an der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) mit den Auswirkungen auf den Wald. Besonders die Fichte ist unter Druck geraten, wie er feststellt: Zunehmende Trockenheit schwäche die Flachwurzlerin und mache sie damit noch anfälliger für Borkenkäfer, deren Ausbreitung wiederum durch milde Winter begünstigt sei. Lexers Prognose: Die Fichte ist auf dem Rückzug, in höheren Regionen wird sich die Buche ausbreiten, in niedrigen die Eiche. Immerhin: „Vorarlberg ist ein bisschen in einer Sonderposition“, so der Boku-Professor. Westwetterlagen mit größeren Niederschlagsmengen gleichen den Klimawandel nicht aus, entschärfen ihn jedoch etwas.
Zu tun bleibt viel. Das bestätigt die Auftragslage von Daniela Hohenwallner-Ries. Sie berät Gemeinden bei der Klimawandelanpassung. Bregenz, Dornbirn und Rankweil zählten etwa schon zu ihren Kunden. Die Herausforderung: Damit Hitzetage erträglicher werden, soll es grüner werden. Geeignete Pflanzen zu finden, ist jedoch ein eigenes Kapitel. Hohenwallner-Ries empfiehlt, sich dafür am Süden zu orientieren: Was sich in mediterranen Regionen hält, könnte zunehmend auch in unseren Breiten passen.
Trockenheit und Hitze
Doch zurück zur Ausweitung der Vegetationsperiode: Sie kann laut Hohenwallner-Ries nicht nur in Verbindung mit Trockenheit und Hitze zum Problem werden. Wenn es zu früh blüht, ist die Gefahr größer, dass es in weiterer Folge doch noch einmal frostig wird und damit beträchtliche Schäden angerichtet werden: „Das ist gerade für den Obstbau ein Thema.“