Schöbi-Fink kann Deutschförderklassen Positives abgewinnen

Vorarlberg / 26.08.2019 • 06:00 Uhr
Schöbi-Fink kann Deutschförderklassen Positives abgewinnen
Barbara Schöbi-Fink fordert mehr Zeit für die beschlossenen Bildungsreformen und will die Ganztagsbetreuung ausbauen. VN/PAULITSCH

Schullandesrätin Barbara Schöbi Fink (58) zieht zum Start der VN-Schulserie Bilanz und wagt einen Ausblick ins kommende Schuljahr.

Wie sieht Ihre Bilanz übers vergangene Schuljahr aus?

2018/19 war geprägt von einigen Neuerungen und Weiterentwicklungen. Ich denke da an die Implementierung von Deutschförderklassen, an die gesetzten Schwerpunkte im Bereich der Sprachförderungen in Kindergarten und Volksschule, an den Ausbau der ganztägigen Schulformen, das Schulfach Digitale Bildung und die MINT-Förderungen, also die Förderung der Fächer Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaften. Das abgelaufene Schuljahr war auch geprägt vom beschlossenen Pädaogik-Paket. . .

Bei dem vor allem die Wiedereinführung der verpflichtenden Ziffernbenotung höchst umstritten war. In Vorarlberg war der Widerstand dagegen massiv.

Ja, diese Maßnahme hat für Irritationen gesorgt. Auch weil sich die Volksschulen seit mehr als 15 Jahren mit alternativen Formen der Leistungsbeurteilung auseinandergesetzt haben. In 85 Prozent der ersten Klassen, 70 Prozent der zweiten Klassen sowie 56 Prozent der dritten Klassen wurde verbal beurteilt, die Eltern waren intensiv miteinbezogen. Ich kann also verstehen, dass dieser Schritt der Bundesregierung auf Unmut gestoßen ist. Andererseits ist die Ziffernnote auch eine Chance. Weil sie dazu beitragen kann, zusätzlich zur alternativen Beurteilung ein noch genaueres Bild über den Leistungsstand des Kindes zu liefern. Lobend möchte ich als beschlossene Maßnahme der Regierung die Kinder-Eltern-Lehrer-Gespräche erwähnen. Die sind sehr wertvoll.

Wie beurteilen Sie nach einem Jahr den Wert der Deutschförderklassen?

Da kann ich auch Positives berichten. In einer Lustenauer Schule habe ich mir das einmal genauer angesehen. In dieser Klasse befanden sich 13 Schüler, und ich konnte den Eindruck gewinnen, dass diese dort sehr große Fortschritte machten. Ich habe zudem erfahren, dass sich migrantenstämmige Eltern, die zwar hier aufgewachsen sind, unsere Sprache gut beherrschen, aber mit ihren Kindern bis zur Schule nicht Deutsch redeten, geschworen haben, dass sie das nie mehr machen würden. Wenn sich ein solches Bewusstsein verbreitet, dann haben die Deutschförderklassen schon allein deswegen etwas gebracht.

Wie viele Deutschförderklassen wird es im kommenden Schuljahr geben?

Es wird vermutlich 16 Deutschförderklassen geben. Im vergangenen Schuljahr waren es 13.

Die Zahl der Ganztagsschüler ist in Vorarlberg gesunken. Trotzdem sehen Sie in diesem Bereich Fortschritte. Wie passt das zusammen?

Es ist richtig, dass die Zahl der Ganztagsschülerinnen und -schüler zurückgegangen ist, die Anzahl der Standorte mit einer ganztägigen Schulform ist allerdings gestiegen, ebenso die Anzahl der ganztägigen Klassen in verschränkter Form. Das Angebot für die Familien ist also besser geworden. In Vorarlberg lag die Betreuungsquote der Sechs- bis Zehnjährigen im vergangenen Schuljahr bei rund 32 Prozent, bei den Zehn- bis 14-Jährigen bei 33 Prozent. Wir werden den Ausbau auch weiter vorantreiben.

Der verpflichtende Mittagstisch scheint ein Problem für die schulische Ganztagsbetreuung zu sein.

Die Diskussion darüber hat zweifellos zu gewissen Verunsicherungen bei Schulleitungen und Eltern geführt. Das Schulunterrichtsgesetz sieht aber einen großen Ermessensspielraum für die Schulleiter vor, den sie auch nützen können. Soll heißen: Es kann gute Gründe geben, den Mittagstisch nicht besuchen zu müssen. Für uns gilt bei der Ganztagsbetreuung grundsätzlich: Die Wünsche und Bedürfnisse der Eltern haben höchste Priorität.

Wie in kaum einem anderen Bundesland finden sich in Vorarlberg kaum mehr Pädagogen, die Direktoren werden wollen. Warum? Und was kann man dagegen tun?

Dieses Problem ist kein ausschließlich Vorarlberger Problem. Wir finden es auch in den anderen Bundesländern und auch in Deutschland. Direktorin oder Direktor zu sein, bedeutet eine große Herausforderung und fordert viel Eigenverantwortung. Neben Fachwissen und pädagogischen Fähigkeiten werden auch immer mehr Sozial- und vor allem Führungskompetenzen verlangt. All diese Herausforderungen bedeuten oft auch einen Einfluss auf die Lebensqualität. Das Phänomen der gesunkenen Attraktivität von Führungspositionen erleben wir übrigens nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch in der Wirtschaft. Gerade jüngere Menschen setzen Lebensqualität oft vor eine berufliche Karriere.

“Die sinkende Attraktivität von Führungspositionen ist ein Phänomen unserer Zeit.”

Barbara Schöbi-Fink, Schullandesrätin Vorarlberg

Hat die Modellregion Vorarlberg nach dem Ende der türkis-blauen Koalition wieder eine bessere Chance auf Umsetzung?

Da müssen wir die neue Regierung abwarten. Was ich versprechen kann: Wir lassen uns in Vorarlberg nicht von der Weiterentwicklung unserer Schullandschaft abhalten. Das Unterstützungsprogramm für Schulen mit besonderen Herausforderungen, der Schulpreis, V-Feedback usw. sind Initiativen, die Schule konstant weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt stehen dabei unsere Kinder und das Ziel, eine Schule mit mehr Leistung und mehr Chancengerechtigkeit zu entwickeln. Das wird auch bei geänderten Rahmenbedingungen bundesseitig so bleiben.

Wird auch die Zusage für den Zubau am BRG Schoren und den Neubau des Sportgymnasiums halten?

Es wird gehalten, was versprochen wurde. Die Vorbereitungen sind bereits im Gange. Das Bildungsministerium hat der Bildungsdirektion vor einigen Tagen mitgeteilt, dass die Bundesimmobiliengesellschaft mit der Einleitung des Planungsverfahrens beauftragt wurde.

Das vergangene Schuljahr stand auch im Zeichen der grundlegenden Umstrukturierung der Schulverwaltung. Stichwort Bildungsdirektion: Ist diese Neuordnung gelungen?

Die Umstellung ist geglückt, die neuen Abläufe dieser Mischbehörde spielen sich ein. Ich sehe in der Umstrukturierung mit der verstärkten schulartenübergreifenden Zusammenarbeit in den beiden Bildungsregionen eine noch bessere Möglichkeit, ein Kind durch das Schulsystem zu begleiten.

Was werden Ihre großen Schwerpunkte für das Schuljahr 2019/2020 sein?

Das Thema Sprachförderung bleibt ein Schwerpunkt, auch der Übergang zwischen Kindergarten und Schule. Des Weiteren bin ich bestrebt, zumindest ein weiteres zusätzliches Fach an die Pädagogische Hochschule Vorarlberg zu holen, um die Ausbildungsmöglichkeiten für angehende Pädagoginnen und Pädagogen zu erweitern und den Standort attraktiver zu machen. Auch der Ausbau der Schülerbetreuung bleibt eines meiner Hauptanliegen.

Was erwarten Sie von der künftigen Bundesregierung für die Bildungspolitik?

Ich wünsche mir vor allem ein Verständnis für den Umstand, dass Bildungsreformen Zeit brauchen, bis sie ihre Wirkung entfalten. Deshalb sollen die in den vergangenen Jahren eingeleiteten Reformen die notwendige Zeit für die Umsetzung bekommen.